Begrüßung zur feierlichen Immatrikulation
Begrüßung zur feierlichen Immatrikulation
Sie haben, liebe neue Studierende unserer Universität, das gro-ße Glück, in eine fünfzehn Monate feiernde Universität aufge-nommen zu werden, heute beginnen die in der Tat fünfzehn Monate dauernden Feierlichkeiten unseres Universitätsjubi-läums zum zweihundertsten Jahrestag unserer Gründung. Nun müssen sie nicht befürchten – und dürfen natürlich auch umge-kehrt nicht hoffen –, daß hier fünfzehn Monate lang Party gefei-ert wird. Wir werden vielmehr in sehr vielen Formaten, ernst und heiter, spannend und amüsant über die Ideen einer Hum-boltschen Universität nachdenken. Sie müssen also nicht be-fürchten, daß hier und in den kommenden Monaten die etwas verstaubten Monstranzen der Humboldtschen Universität aus den Schränken geholt werden und vor dem staunenden akade-mischen Nachwuchs mit Getöse durch den Saal getragen wer-den – es sind leider oft nur Wortmonstranzen, große, heere Formeln, an der deutschen Universität seit fast hundert Jahren wohl vertraut, mindestens bei solchen feierlichen Anlässen. Vermutlich, liebe Studierende, kennen Sie einen guten Teil die-ser Wortmonstranzen und heeren alten Formeln, auch wenn Sie heute gerade einmal einen halben Tag an der alma mater Bero-linensis studieren. „Einheit von Lehre und Forschung“ ist einer dieser Formeln, vermutlich die beliebteste. Und genauso häufig, wie diese Formel feierlich beschworen und wie eine Monstranz von den Verantwortlichen durch den öffentlichen Raum getra-gen wird, beklagt dann auch irgendwer mit Grabesstimme den Tod der Humboldtschen Universität oder wenigstens ihren un-mittelbar bevorstehenden Untergang – die Einheit von Lehre und Forschung sei zerbrochen, so hört man dann, sei in Zeiten knapper Kassen, in Zeiten überfüllter Hörsäle, in Zeiten eines klar strukturierten Bologna-Studiums längst untergegangen. Wer den Weltuntergang heraufbeschwört, findet immer Publi-kum – glauben Sie das einem Kirchenhistoriker, er redet über sein eigenes Forschungsfeld.
Damit Sie aber, liebe Studierende, den Untergangspropheten und ihren verbreiteten Unheilsprophetien nicht glauben, denen, die die Humboldtsche Universität längst versunken glauben, verwende ich heute einmal nicht die heeren Formeln, sondern beginne in der Praxis, um Ihnen zu zeigen, daß die Humboldt-sche Universität lebt, jener enge Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden, jene Bemühung um das Ganze der Wissen-schaft jenseits der perniziösen Spezialisierung. Ich beginne bei den vielen Exkursionen und Praktika, bei denen eine enge, nicht auf anderthalb Stunden Seminar oder Vorlesung begrenzte Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden gepflegt wird, bei der Lehre und Forschung ganz eng miteinander verbunden sind. Ich selbst veranstalte beispielsweise auch als Universi-tätspräsident jedes Jahr eine große Exkursion, bei der es mit den Studierenden ins Ausland geht und dazu immer wieder auch kleinere Exkursionen, in die Museen der Stadt, in die nä-here Umgebung. Ich habe jetzt ein Beispiel aus meiner eigenen Lehrtätigkeit, ein Beispiel aus den Geisteswissenschaften ver-wendet – natürlich gibt es analoge Veranstaltungen auch in den Naturwissenschaften, in den Sozialwissenschaften, eigentlich in jedem Fach dieser Universität. Und solche Veranstaltungen zei-gen, daß es neben der überfüllten Vorlesung, in der man nur schwer einen Platz bekommt, neben dem nicht restlos zu Ende gedachten Stundenplan eines Institutes und all’ den anderen Schwierigkeiten auch Orte unmittelbarer Lebendigkeit der Humboldtschen Universität in der Humboldt-Universität zu Ber-lin gibt – Orte, an denen Sie exzellente Forscher und herausra-gende Forschung nicht nur von ferne beschnuppern können, sondern daran ganz unmittelbar beteiligt werden; Orte, in de-nen der viel beschworene garstige Graben zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überbrückt werden kann, Orte, an de-nen der große hierarchische Abstand zwischen Professor und Studierenden ganz klein wird.
Suchen Sie, liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, solche Veranstaltungen. Suchen Sie Veranstaltungen, an denen die große zweihundertjährige Reformuniversität Unter den Linden so lebendig ist, wie sie es zu Zeiten ihrer Gründung auch schon war, suchen Sie Orte der lebendigen Humboldtschen Universität in der Humboldt-Universität. Und lassen Sie sich nicht anste-cken von der typischen Berliner Muffligkeit, die über alles und jedes meckert, die immer alles für kurz vor oder gerade nach dem Untergang diagnostiziert – Angebote intensivster Lehre finden Sie in jedem Institut, in jeder Fakultät, in Mitte, auf dem Campus Nord und in Adlershof. Studieren macht Spaß, über den Zaun des eigenen Fachgebietes schauen, bringt Gewinn, mal bis in die Nacht über ein Feld stolpern und gemeinsam mit anderen nach Steinen, Blumen, Tieren suchen, ist ein grundle-gendes Erlebnis im wissenschaftlichen Bildungsgang. Leiden-schaft kennt keinen Stundenplan, Leidenschaft übersieht geflis-sentlich ein paar Probleme. Zum Studium gehört Leidenschaft. Studium ohne Leidenschaft geht zur Not auch, ist aber wie Mu-sik ohne Musikalität, Liebe ohne Sehnsucht, wie Essen ohne Genuß, kurz: schrecklich. Studieren Sie also mit Leidenschaft, liebe Studierende.