Eröffnung Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum
Eröffnung Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum
Begrüßung des Präsidenten, Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph Markschies
Wenn soll ich begrüßen heute morgen? Vielleicht doch zu allererst die über zweieinhalb Millionen Bücher, die da unter uns und hinter uns gesammelt sind in diesem herrlichen Bau, den Max Dudler uns entworfen hat. Warum, meine Damen und Herren, sollte man Bücher grüßen und nicht zuallererst die Men-schen, die sie lesen oder die ermöglicht haben, daß sie gelesen werden? Nun, schlicht und einfach deswegen, weil Reverenz gegenüber dem gedruckten Buch ja längst nicht mehr selbstverständlich ist – man liest eben heutigentags lieber die oft ziemlich grauenhaften Einträge des Internetlexikons Wikipedia, als zu einem der vierundsechzig Bände des Universal-Lexicons von Johann Heinrich Zedler zu greifen, das in kürzester Frist 1731 bis 1754 publiziert wurde und nicht nur einen prominenten Platz in unserem Forschungslesesaal oben im vier-ten Stock einnimmt, sondern seit fast zehn Jahren digitalisiert im Internet zur Verfügung steht.
Ja, heute gehören zu allererst einmal die Bücher gegrüßt, beispielsweise die an-derthalb Millionen, die hier frei zugänglich in den diversen Etagen des Baus in den edlen dunklen Regalen aufgestellt sind, die uns das Land Berlin finanziert hat, an dessen Spitze der Herr Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, steht. Die Bücher gehören zuerst gegrüßt, damit sich hierzulande nicht der melancho-lische Eindruck festsetzt, dieser Bau sei der letzte große Bibliotheksbau eben dieses Landes gewesen, ein Anachronismus für überholte Medien, den sich eine ins schöne Bauen verliebte Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geleistet hat, unsere Baudienststelle, an deren Spitze die Senatsbaudirektor Regula Lüscher steht, in der Schweiz geboren wie der Architekt Max Dudler, und ihre Mitarbei-ter Martens, Gierth, Ostendorf, Ossowski, Schöpke und Windolph, die den Ar-chitektenwettbewerb organisiert, als prüfende Dienststelle fungiert und in vielen, vielen anderen Tätigkeiten jederzeit dem Bau und dieser Universität hilfreich zur Seite standen.
Und besonders gegrüßt gehören natürlich die etwas über tausend Bände, die aus der privaten Bibliothek der Brüder Grimm erhalten geblieben sind und in einem gut klimatisierten Depot neben dem Forschungslesesaal stehen, viel klassische Philologie und germanische Altertumskunde, natürlich, aber auch manches an-dere, sorgfältig bewahrt von Milan Bulaty, dem Direktor des Hauses und seinen vielen Mitarbeitern, in ein so kostbares Geschmeide gefaßt dank der Hilfe unse-res Abgeordnetenhauses und seiner Mitglieder, aber auch der Wissenschafts-verwaltung, von Herrn Mahnke und Frau Riedel.
Wer schon einmal durch diesen unendlich schönen Bau, dessen Terrassen und Gänge zum flanieren einladen, spaziert ist, weiß, daß aus den verschiedenen Teilbibliotheken und Depots kostbarste Buchbestände wieder aufgetaucht sind, die schließlich auch noch einen besonderen Gruß verdienen – ich denke bei-spielsweise an die wunderbaren wissenschaftsgeschichtlichen Bestände, die sich oben der Nordostecke des dritten Stockwerks finden und die ich zuletzt beson-ders grüße. Wenn wir solche und andere Zimelien heute ganz selbstverständlich nutzen können, dann dank der Hilfe der Carl Friedrich von Siemens Stiftung und ihres Geschäftsführers Heinrich Meier, aber auch dank der Hilfe der Berliner Volksbank, von Holger Hatje und Stefan Gerdsmeier, samt der Warburg-Melchior-Olearius-Stiftung, von Christian Olearius und Daniel Bresser: Sie fül-len dieses Haus mit Büchern, versorgen in einem Kinderraum die jüngsten Leser und ermöglichen Erholung vom Lesen auf einer spektakulären Dachterrasse.
Erholung vom Lesen? Man sollte angesichts von Max Dudlers Bau, den man gar nicht genug rühmen kann, vielleicht besser von Erholung durch Lesen sprechen und insofern sollte ich nach den Büchern endlich auch die Leser begrüßen, prä-ziser: die Leserinnen und Leser, die ich noch nicht indirekt genannt und damit begrüßt habe. Die Studierenden zuallererst: Sie protestieren mit Recht gegen-wärtig im ganzen Land für bessere Studienbedingungen und gegen eine an aller-lei Stellen gepatzerte Bologna-Reform: Liebe Kommilitoninnen und Kommili-tonen, heute inaugurieren wir eine nachhaltige Verbesserung ihrer Studienbe-dingungen, das erste eigene Gebäude unserer Universitätsbibliothek seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als letzte ostdeutsche Universität, es wur-de Zeit. Dann grüße ich aber auch die übrigen Angehörigen dieser Universität und die Leserinnen und Leser der ganzen Stadt, die unser schönes neues Schatz-haus mit seinen großzügigen Öffnungszeiten zahlreich frequentieren, aber glücklicherweise nicht so zahlreich, daß es unter dem Ansturm seiner Besucher schon zusammengebrochen ist: Den Büchern und denen, die sie lesen, gilt mein Gruß – und damit habe ich nun hoffentlich jeden und jede von denen, die hier sitzen, gegrüßt, niemanden vergessen und auch die getröstet, die mangels Platz in dieser Eingangshalle stehen müssen oder so ungünstig sitzen, daß sie nur meine Worte hören konnten, aber den Sprecher nicht sahen, was, so scheint mir, verschmerzbar ist.
Nun ist es mir eine Freude, unseren Regierenden Bürgermeister um sein Gruß-wort zu bitten, einen Politiker, dem man – wenn ich das so scherzhaft im Blick auf die Zentral- und Landesbibliothek sagen darf, mit der wir gemeinsam im Humboldt-Forum vereint sein werden – dem man mangelndes Engagement für Bibliotheken nun wirklich nicht nachsagen kann.
„Duett“ Thomas Heilmann und Christoph Markschies
Vor Ihnen, meine Damen und Herren, stehen zwei. Nicht die Brüder Grimm – bitte nicht: Gebrüder Grimm –, deren Namen das Haus trägt, sondern neben dem Hausherren Thomas Heilmann, Mitbegründer und jahrelanger Chef einer be-kannten Werbeagentur, die ihre schönsten Sprüche leider für Baden-Württemberg entworfen hat und nicht für dieses Bundesland, in dem es immer-hin laut einem dieser Sprüche auch „ganz nett“ ist. Herr Heilmann steht natür-lich nicht neben mir, weil er diese Werbeagentur zu dem gemacht hat, was sie ist, und diverse andere Firmen gleich dazu, sondern als Vorstandsmitglied unse-rer Humboldt-Universitäts-Gesellschaft, des Vereins der Freunde und Förderer unserer Universität. Daß wir zu zwei reden, hat nicht nur einen doppelten, son-dern gleich einen vierfachen Grund.
Thomas Heilmann:
1.) Der erste Grund ist der offensichtlichste und vielleicht auch der Banalste: Diese wunderbare neue Universitätsbibliothek trägt den Namen von zwei groß-artigen Sprachwissenschaftlern. Den Gebrüdern Grimm, deren Wirken deutlich über ihre Märchensammlungen hinaus, gewürdigt werden muß. Auch der zweite Name ehrt zwei Personen. Die ursprünglich Friedrich-Wilhelm genannte Uni-versität wurde in Humboldt umbenannt, um an den Initiator Wilhelm von Hum-boldt, aber auch das Wirken des weltweit vielleicht bedeutenden deutschen Ge-lehrten, Alexander von Humboldt zu erinnern.
Der zweite Grund wird Ihnen vielleicht nicht bewußt sein. Beide Brüder Hum-boldt hatten großzügige Förderer. Daß war zuerst der preußische Staat bezie-hungsweise das Königshaus. Dies war umso erstaunlicher, als 1806 nach dem militärischen Zusammenbruch Preußens gegen Frankreich die fälligen Kriegs-entschädigungen und die Zerstörungen, die Napoleon in Preußen hinterlassen hatte, die finanzielle Situation äußerst prekär war. In Humboldt und damit in Forschung und Bildung wurde dennoch üppig investiert, wahrlich nicht zum Schaden Berlins, wie man heute weiß. Für die aufwendigen Forschungsreisen von Alexander von Humboldt warb dieser viele Förderer. Die Liste liest sich beeindruckend: Sie reichte vom spanischen Hof, über den englischen Prinzre-genten und späteren König Georg IV, über Zar Nikolaus bis zum amerikani-schen Präsidenten Thomas Jefferson. Dabei lebte er in Paris. Also gerade im Land des Kriegsgegners, der bekanntlich erst 1814 bezwungen wurde. Während den Humboldts die Herrscher halfen, verdanken wir wenige Jahrzehnte später dem Bürgertum und ihren Spenden, dass auch die Gebrüder Grimm ihre reich-haltige und bahnbrechende Forschung fortsetzen konnten. Als Teil der Göttinger Sieben stritten die Grimms für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Beide wurden mit fünf anderen Professoren König Ernst August I. von Hannover aus der Uni-versität Göttingen entlassen. Ein überregionales Komitee von Bürgern mit Zent-rum in Leipzig zahlte den entlassenen Professoren aus Spendengeldern die Ge-hälter weiter. Die Grimms fanden später Schutz und Anstellung in Preußen und kamen so nach Berlin. Jacob und Wilhelm halfen – erneut unterstützt von Spen-dern –, die Menschenrechte in Deutschland zu formulieren. Jacob Grimm wurde 1848 Abgeordneter der Paulskirche.
Wenn schon die erfolgreichen und gut situierten Brüder Humboldt und Grimm für Ihre hervorragende Forschung und Lehre (das gilt ja für alle vier!) großzügi-ge Unterstützer brauchten, dann gilt das heute erst Recht. Auch heute wird Aus-tausch, Verständnis und Geld gebraucht. Wie damals ist natürlich auch der Staat gefragt. Nehmen Sie sich bitte ein Vorbild, lieber Herr Wowereit. Aber es sind aber auch Sie alle hier gefragt. Um das zu schaffen, gibt es die Humboldt-Universitäts-Gesellschaft, den Verein der Freunde, der Ehemaligen und Förderer e.V.
Christoph Markschies:
Der dritte Grund, warum wir beide hier oben stehen ist: Die Bibliothek, die wir hier eröffnen, braucht neben den schon genannten großherzigen Stiftern weitere Freunde und Förderer, damit die Bücher, die gelesen werden könnten, auch hier gelesen werden können. Die Brüder Grimm haben sehr intensiv mit ihren Bü-chern gearbeitet, beispielsweise für die ersten Bände ihres großartigen deutschen Wörterbuchs, und so brauchen diese Bücher Paten, die bereit sind, die Restaura-tion dieser Bände zu ermöglichen. Oder ein anderes Beispiel: Die Preise insbe-sondere für Zeitschriften sind in den letzten Jahren teils exorbitant gestiegen. Wir halten in dieser großartigen Universitätsbibliothek über zweitausendvier-hundert Zeitschriften vorrätig und freuen uns über Spenden, damit es im Interes-se der Studierenden und Lehrenden noch mehr werden können. Und so bitte ich sie, verehrte Damen und Herren, wie Thomas Heilmann: Werden sie Mitglied in der Humboldt Universitäts-Gesellschaft. Denn so setzen nicht nur ein sichtbares Zeichen der Sympathie zur Humboldt Universität, sondern werden Mitglied ei-nes lebendigen Forums für die Freunde der Universität, in dem die Zukunft un-serer alma mater diskutiert und gestaltet wird. Auch ich habe davon in den letz-ten Monaten immer wieder profitiert und danke der HUG deshalb nicht nur für diverse materielle Unterstützung, sondern auch für diese Bereicherung des uni-versitären Lebens. Bitte beteiligen sie sich.
Der vierte und letzte Grund, warum wir beide gemeinsam hier oben stehen ist: Diese Bibliothek ist nicht nur ein klassischer Büchertempel, sondern in einem ganz umfassenden Sinne ein Schatzhaus des Wissens, ein riesiger Speicher di-versester Medien des Wissens – wie ja auch Max Dudlers Architektur dezent und feinsinnig deutlich macht. Neben dem alteuropäischen Gelehrten im Präsi-dentenamt, der – wie sie längst bemerkt haben, meine Damen und Herren, in seine Bücher verliebt ist und eigentlich findet, wir könnten gleich alle lesen ge-hen, steht der Mitgründer und Gesellschafter von Unimall.com, Deutschlands größtem Portal für Hard- und Software für Schüler, Lehrer, Studenten und Pro-fessoren, der Social Networks, Xing.com, des Studentenportals Unibicate.com in Latein- und Südamerika und von Facebook – nein, dies ist nicht nur eine klas-sische Universitätsbibliothek wie tausend andere in Deutschland, sondern auch ein modernes Medienzentrum (das muß ich allein schon deswegen sagen, damit mich Herr Schirmbacher, der Direktor unseres Computer- und Medienservices, hinterher nicht erschlägt). Thomas Heilmann und ich stehen hier als Repräsen-tanten dieser beiden Dimensionen des Hauses, der klassischen und der moder-nen Medien, stellvertretend für die vielen unterschiedlich interessierten Men-schen, die diese Bibliothek nun nutzen können und sollen. Vielen Dank.
Einen so klaren, modernen Bau – das werden sie mir sofort zugeben, meine Damen und Herren, kann man nicht mit Vivaldi eröffnen, über den Theodor W. Adorno so spöttisch bemerkt hat: „Unser täglich Barock gib uns heute“. Ein Neutöner mußte her und angesichts der Schweizer Heimat von Architekt und Senatsbaudirektorin ein Schweizer dazu, Komponist und Professor dazu: Ernest Bloch aus Genf in der Schweiz, wir hören zwei Episoden für Kammerorchester.
Ankündigung des Festredners, Peter von Matt
Peter von Matt ist anzukündigen, Sie ahnen es, meine Damen und Herren – na-türlich auch ein Schweizer wie Max Dudler und Regula Lüscher, geboren in Stans im Kanton Nidwalden und seit Jahren, seit dem Studium bei Emil Staiger in Zürich beheimatet. Große Werke über Grillparzer und Canetti, kleine Minia-turen über diverse Gedichte, jedem Zeitungsleser vertraut – und dann natürlich seine wunderbaren Durchschläge durch das literarische Dickicht der Zeiten, „Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur“, um nur eines und das wahrscheinlich bekannteste zu nennen. Schweizer gewiß, wie alle wichtigen Protagonisten unseres Festaktes, und doch ein Preuße und Hum-boldt ziemlich nah: Mitglied des Ordens Pour le Merite, gegründet vom Sohn unseres Universitätsgründers Friedrich Wilhelm, eine erlauchte Gesellschaft er-lauchter Geister, der als erster Ordenskanzler unser prominentester Gaststudent, Alexander von Humboldt vorstand, an den wir uns im laufenden Jahr immer wieder einmal festlich oder nachdenklich erinnert haben. In den unscheinbar da-herkommenden „Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informations-wissenschaft“ erschien als Heft 236 unter dem gleichfalls unscheinbaren Titel „Die Fremdcharakterisierung des Bibliothekars im Kontrast zum Selbstver-ständnis“ die Abschlußarbeit einer Studentin an unserem Institut für Biblio-theks- und Informationswissenschaft, von Elisabeth von Lochner. Dort findet man wunderbare Zitate aus der deutschen Literatur gesammelt, die alle auf ein nicht gerade putzmunteres Image von Bibliotheken und Bibliothekaren hindeu-ten. Heinrich Hofmann von Fallersleben, immerhin der Dichter unserer Natio-nalhymne: Bibliotheken sind Orte, an denen Bücher „ungesucht, ungelesen dem Jüngsten Tag entgegenharren“. Mit der Ruhe der Bibliotheken ist also mindes-tens ein so ambivalentes Phänomen wie mit den Tumulten der Wissenschaft – aber davon sollte jetzt nicht weiter der Sohn eines Literaturwissenschaftlers sprechen, sondern ein Literaturwissenschaftler, Peter von Matt. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag!