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Berlin - Hauptstadt für die Wissenschaft 2010

Katja Krol

Sehr geehrte Damen und Herren,
Wir befinden uns hier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, im historischen Zentrum Berlins - unweit von dem Hauptgebäude unserer Universität.

In diesem Gebäude habe ich im Wintersemester 2001/2002 mein Mathematikstudium aufgenommen. Die großen Vorlesungen fanden damals im Karl-Weierstraß Hörsaal statt, benannt nach einem der bedeutendsten Mathematiker des 19. Jahrhunderts, der als Professor an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität tätig war. In der ersten Woche war der Raum überfüllt und die Studenten laut und unruhig - wir alle waren am Anfang durch die neuen Anforderungen einer Universität, die ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Selbststudium verlangten, ein wenig überfordert.

Professor Naumann, der genau wie Weierstraß eine Vorlesung über Analysis hielt, beobachtete die jungen Studenten, legte eine kurze Pause ein und erzählte uns, wie damals, vor ungefähr 150 Jahren Karl Weierstraß in genau dem selben Raum seine Vorlesungen hielt, wie überfüllt auch damals der Raum war mit Studenten, die aus dem ganzen Land anreisten, um an diesen Lehrveranstaltungen teilzunehmen und wie die Hörer aufmerksam und sehr leise zuhörten, nicht nur, weil es damals keine Mikrofone gab. Dieses Bild von Karl Weierstraß prägte sich sehr stark bei mir ein und begleitete mich durch das ganze Studium. Nach und nach wurde uns allen bewusst, welche Geschichte, welche Tradition sich hinter den Wänden dieses Gebäudes verbirgt. Dass die Humboldt-Universität nicht nur die Namen von Alexander und Wilhelm von Humboldt trägt, sondern auch eine Idee, die im Laufe der Zeit zum Vorbild der modernen Forschungsuniversität wurde.

Besonders seitdem die Naturwissenschaften noch am Anfang meines Studiums in den modernen Wissenschafts- und Wirtschaftspark Adlershof umgezogen sind, vermisse ich das Gebäude, in dem der Geist von Karl Weierstraß, Alexander und Wilhelm von Humboldt, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher und vieler weltberühmter Forscher und Lehrer deutlich spürbar ist.

Wenn man über das Moderne spricht, fällt uns allen und natürlich mir, als Studentin der HU ein anderes Jubiläum ein, das wir nächstes Jahr feiern - 10 Jahre Bologna-Abkommen - die größte Reform des Deutschen Hochschulsystems, die vor allem zur Einführung eines europäisch einheitlichen zweitstufigen Abschlusssystems mit Bachelor und Master führte. Gerade jetzt sind viele kritischen Stimmen zum Reformprozess selbst und zu den bisher erreichten Ergebnissen zu hören, es wird befürchtet, dass damit der Abschied vom Humboldtschen Ideal eingeleitet sei und dass das Recht auf Bildung durch bloße Berufsausbildung ersetzt wird.

Ich persönlich stelle mir die Frage, was Wilhelm von Humboldt sagen würde, wenn man ihm heute die “Humboldt-Universität bolognese” servieren würde. Denn jetzt, 200 Jahre später, leben wir in einer globalen, sich rasch entwickelnden und ständig ändernden Welt. National gesehen, studieren heute mehr als 22% der Bevölkerung und nicht nur 1-2% wie zu der Zeit der Gründung. Dennoch muss auch diese Zahl dringend ansteigen, um vielen mehr den sozialen Aufstieg durch akademische Bildung zu erlauben und den Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften in einer wissensbasierten Volkswirtschaft wie Deutschland langfristig decken zu können.

Natürlich ist der Wandel, den unsere Universität und die deutschen Hochschulen im Allgemeinen momentan durchleben rasch und kolossal und kaum eine Änderung verläuft ohne Schwierigkeiten. Die vollständige Umsetzung der ersten Phase des Reformprozesses bietet uns vor allem jetzt die Chance, gemeinsam die neuen Erfahrungen zu nutzen um die Studienbedingungen und -Strukturen weiter zu verbessern. Wir alle zusammen müssen bestrebt sein, ein forschungsorientiertes Studium nicht nur auf der Master-, sondern auch auf der Bachelor-Ebene zu fördern, ein Studium, das den Studenten nicht nur didaktisch fundiertes Wissen vermittelt, sondern auch den Raum zur Selbstbestimmung, Selbstentwicklung und eine aktive Teilnahme am eigenen Wissensaufbau bietet.

Die Humboldt-Universität hat in den letzten 10 Jahren, trotz dramatischer Unterfinanzierung, viel erreicht und kann voller Stolz auf ihre Entwicklung blicken.

Wir haben drei Exzellenzcluster und vier Graduiertenschulen vorzuweisen - ich selber bin Mitglied der Graduiertenschule BMS - “Berlin Mathematical School”. Die BMS hat sich zum Ziel gemacht, Berliner Forscher und Studierende aus den verschiedenen Bereichen der Mathematik zusammen und internationale Wissenschaftler wie Promovierende nach Berlin zu bringen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass diese Graduiertenschule den Spagat zwischen dem klassischen Humboldtschen Ideal und der Anforderung der Moderne sehr gut gemeistert hat. In der BMS werden sowohl Studierende als auch Doktoranden auf einem sehr hohen Niveau in Seminaren, Workshops und breit angelegten Vorlesungen an den Berliner Universitäten und bei den zahlreichen Kooperationspartnern stattfinden, ausgebildet.

Denn die Hochschulen müssen, um international langfristig an der Spitze der Forschung zu bleiben, sich an den europäisch einheitlichen Hochschulraum anpassen, und das schafft die Humboldt-Universität sehr gut, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren oder auch nur zu vernachlässigen. Denn gerade Berlin, eine internationale, junge, trendsetzende, kosmopolitische Stadt braucht eine eben solche Humboldt-Universität, die interessante Studierende und junge Forscher nicht nur aus ganz Europa, sondern aus der gesamten Welt lockt. Ich bin sehr froh, dass wir grade in dieser Reformzeit unser Jubiläum feiern - denn durch die zahlreichen Veranstaltungen kann die Humboldt-Universität ihr modernes und nichts desto trotz klassisches Gesicht der Hauptstadt präsentieren und damit nicht nur hoffentlich viele Partner, die ihr bei der Finanzierung der Lehr- und Forschungsprogramme helfen, sondern auch Freunde aus Forschung, Kultur und Schulwesen finden. Die HU und die Stadt Berlin brauchen einander, um stärker und selbstbewußter auf der Weltbühne aufzutreten.

Das Motto dieses Jubiläums ist “Humboldt Universität - das moderne Original”. Ich möchte abschließend im Stil der bekannten Berlin-Kampagne sagen: sei das Moderne, sei das Original, sei Humboldt Universität zu Berlin.

Katja Krol
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zuletzt geändert: 03.11.09 MW
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