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Berlin - Hauptstadt für die Wissenschaft 2010

Peter von Matt

Die Tumulte der Wissenschaft und die Ruhe der Bibliotheken

Faust, der bekannte Doktor, hat etwas gegen die Bücher. Karl Moor, der bekannte Räu-ber, hat etwas gegen die Tinte. Zwar wurde diese doppelte Abneigung sorgsam mit Tinte festgehalten und in Büchern gedruckt, aber das hinderte die beiden leidenschaftlichen Kulturevolutionäre nicht an ihrer Verwerfung alles beschriebenen Papiers. Tatsächlich teilt auch das Papier selbst den schlechten Ruf von Tinte und Buch. Wie die Tinte als der kalte Gegensatz zum heißen Blut gehandelt wird, so gilt das Papier als der Gegensatz zu allem Lebendigen. „papieren“ ist im Deutschen ein Schimpfwort. Als wäre das Papier nicht die spirituellste Materie überhaupt. In seiner Privatbibliothek berserkert Faust wie ein Ver-dammter gegen die hohen Bücherwände, die Papierrollen, die Pergamente, und er atmet erst auf, als er das Fläschchen mit dem braunen Gift erblickt. Durch den Selbstmord will er den Büchern endlich entkommen.

In Fausts Suizid, der nur durch einen Zufall verhindert wird, ist insgeheim auch die Paral-lelaktion versteckt, die Vernichtung der Bücher. Statt sich zu töten, könnte er auch das ganze bedruckte und gebundene Papier verbrennen. Denn Faust bestreitet unumwunden den Nutzen aller Bücher. Um das Elend seiner Lage zu verdeutlichen, in der das bedruck-te Papier ihm den Zugang zur göttlichen Mitte der Welt versperrt, vergleicht er sich mit einem Wurm, der im Staube kriecht und jederzeit zertreten werden kann:

Den Göttern gleich’ ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.               (V. 652-655)

Das ist eine recht konventionelle Rhetorik, die wütende Selbsterniedrigung eines narziss-tisch Gekränkten. Aber anschließend wird die Metapher von Faust realisiert. Er blickt die Bücherwände hoch und erkennt: Das ist tatsächlich Staub, alles ist nur Staub; ich lebe nicht metaphorisch darin, sondern leibhaftig:

Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand
Aus hundert Fächern mir verenget?
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand
In dieser Mottenwelt mich dränget?                            (V. 656-659)

Das ist die Verdammung des Papiers als des Nichtigen schlechthin und damit auch die Verdammung alles dessen, was auf dem Papier mit Druckerschwärze festgehalten wird. Faust beschimpft den in seinen Augen niedrigsten Stoff der Welt, und was darin lebt, der Wurm, ist das kläglichste aller Lebewesen. Diese radikalste mögliche Entwertung der Bib-liothek durch einen Universitätsprofessor wird abschließend auch inhaltlich auf den Punkt gebracht:

Hier soll ich finden, was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
Dass überall die Menschen sich gequält,
Dass hie und da ein Glücklicher gewesen? –                   (V. 660-663)

 Der Moment ist dramatisch. Da wird eine einzige Erkenntnis der Summe des Wissens gegenübergestellt, das in einer Bibliothek enthalten sein kann. Nur auf diese Erkenntnis kommt es an, und für sie braucht es die Bücher nicht. Zu wissen gilt allein, dass die Men-schen sich immer selbst und gegenseitig quälen, und das Glück ist ein Zufall. Wer sich dessen bewusst ist, weiß genug, um richtig handeln zu können; wem das nicht klar ist, dem nützen die schwersten Folianten nichts.

Diese pauschale Verwerfung des Weltwissens hat ihre Tradition. Die Religionen neigen sehr dazu, die Gläubigen aller Schattierungen. Der erste Korintherbrief vollzieht den Akt in aller Schärfe, indem er die Dialektik von Torheit und Weisheit entwickelt. Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott, die Torheit dieser Welt ist Weisheit vor Gott. Dieser mör-derischen Alternative gegenüber verflüchtigen sich Philosophie und Wissenschaft wie ein Rauch. Der heilige Paulus wörtlich: „Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer dieser Weltzeit? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt zur Torheit ge-macht?“ (1. Korinther 1,20) Und der Apostel hätte ohne weiteres noch anfügen können: „Wo bleiben da die Bibliotheken?“

Dass dieser Gedanke für die unbedingt Gläubigen immer in der Luft lag, bezeugt die Anekdote über den Untergang der Bibliothek von Alexandria. Dort war das gesamte Wis-sen und die ganze Literatur der Antike versammelt. Ihr Untergang beschäftigt die Menschheit bis auf den heutigen Tag, so sehr, dass die tatsächlichen historischen Ereig-nisse hinter den vielen bunten Überlieferungen gar nicht mehr zu erkennen sind. Im be-rühmtesten dieser Berichte wird erzählt, dass der Kalif Umar im Jahre 642 angesichts der Bibliothek von Alexandria gesagt habe: „Wenn in diesen Büchern das gleiche steht wie im Koran, dann braucht es sie nicht, und wenn darin etwas anderes steht als im Koran, dann braucht es sie erst recht nicht“. Darauf wurden die Gebäude abgefackelt. Der Bericht ist eine Erfindung des Mittelalters. Aber es ist eine gute Geschichte, denn sie belegt die Vor-stellung, dass alles Wissen des Logos belanglos sei gegenüber einem einzigen Wort des Mythos. Diese Vorstellung verschwindet nie ganz von unserem Planeten. Hinter den vie-len Phantasien von einer absoluten Bibliothek steckt sie genau so wie hinter den Vorstel-lungen von deren Ruin. In der legendären Bibliothek von Babel, die Jorge Luis Borges 1941 beschrieben hat und die alle überhaupt möglichen Kombinationen von 23 Buchsta-ben und zwei Satzzeichen enthält, in Büchern von je 110 Seiten, fällt das Phantasma der totalen Bibliothek sogar zusammen mit dem Phantasma ihrer Vernichtung. Denn in die-sem Ozean von Büchern wären die sinnvollen und für einen Leser zugänglichen Werke unter den abstrusen Kombinationen gar nicht aufzufinden – obwohl alle sinnvollen Bü-cher, die die Menschheit hervorzubringen überhaupt im Stande ist, also auch alles zu-künftige Wissen, in der Bibliothek von Babel irgendwo vorhanden sein müssten. Die Summe der Erkenntnis ist offenbar nur um den Preis ihrer Zerstörung zu haben.

Dieser Gedanke gehört nun selbst weit mehr dem Mythos an als der Wissenschaft. Denn der Mythos ist seinem Wesen nach die Rede vom Ganzen. Deshalb handelt er so leiden-schaftlich vom Ursprung aller Dinge und vom Ende aller Dinge und vom Zusammenfall des Ursprungs mit dem Ende. Ein Ganzes besitze ich nur, wo ich Ursprung und Ende se-he. Schöpfung und Weltuntergang sind daher die Eckpfeiler alles mythischen Denkens. Gleichzeitig markieren sie die Grenzen der Wissenschaft. Diese nämlich arbeitet immer dazwischen. Die Wissenschaft studiert die Bewegung in der Welt, der Mythos benennt das Primum movens. Deshalb herrscht zwischen den beiden Feindschaft bis auf den heutigen Tag, die Feindschaft zwischen der Frau und der Schlange.

Zu den Illusionen der Wissenschaft gehört die Überzeugung, dass der Mythos vor ihrem Licht verschwinden müsse wie die Königin der Nacht vor der Sonne Sarastros. Am Anfang des 21. Jahrhunderts merken wir immer deutlicher, dass dies eine Täuschung ist. Die Menschen sind nicht bereit, auf den Mythos zu verzichten. Sie wollen das Ganze kennen, sie wollen Nachricht haben vom Anfang und vom Ende aller Dinge. Bedrängt von der fressenden Zeit, wollen sie hören, was vor aller Zeit liegt und nach ihr kommt. Wer ihnen das verspricht, dem laufen sie nach, dem opfern sie alles, begeistert, auch das eigene Leben. So sehr ist der Mythos inständig erfahrene Wahrheit. Die Wissenschaft aber be-ruht auf der Demut des Nichtwissens. Das Bekenntnis zu den Grenzen des Wissens macht ihre Fortschritte überhaupt erst möglich. Genau dies aber bringt sie in Verdacht. Alle, die auf das mythische Wort warten, das ihnen den Ursprung und das Ende aller Din-ge erklärt, bezichtigen die Wissenschaft insgeheim des Verrats am Mythos.

 Und hier beginnt denn auch die Phantasiearbeit, mit der die öffentliche Einbildungskraft, insbesondere die Literatur, die Figur des Wissenschaftlers inszeniert und illuminiert. Der Verdacht des Verrats führt zu schrillen Karikaturen. Dies geschieht in dreifacher Weise. Zum ersten kursiert das Bild vom Wissenschaftler als dem weltfremden Grübler, einem langsam vertrocknenden Wesen, das unnötige Dinge untersucht, sie in einer unverständ-lichen Sprache beschreibt und dafür vom Steuerzahler auch noch ausgehalten wird. Fach-idioten nannten die Achtundsechziger einst solche Gestalten, heute reden die jungen Leu-te von Nerds, und merkwürdig hartnäckig hält sich dafür in der Öffentlichkeit die Meta-pher vom Elfenbeinturm. In den Elfenbeinturm wird alles verwiesen, was sich dem Com-mon sense entzieht. Dabei war der Elfenbeinturm ursprünglich ein wunderbar erotisches Bild aus dem Hohen Lied. Heute gilt der Wissenschaftler im Elfenbeinturm als blutleer und unsinnlich, durchaus verwandt dem abschätzig qualifizierten Papier. Das zweite Phantasiebild ist der Wissenschaftler als Verbrecher. Auch er entfernt sich vom Common sense, aber nicht wie der Nerd vom Commons sense der Lebenslust, sondern vom Com-mon sense der Moral. Im Wissenschaftler als Verbrecher – Urbilder sind etwa Dr. Fran-kenstein, Dr. Jekyll, Dr. Caligari, Dr. Mabuse, Dr. Strangelove – verkörpert sich der Ver-dacht, dass die Wissenschaft in ihrer Erkenntnisgier bereit sei, alle moralischen Grenzen zu überschreiten und auch den Tod Unschuldiger in Kauf zu nehmen. Dieser Verdacht ist latent weit verbreitet; bei öffentlichen Debatten kann er rasch akut und auch politisch brisant werden. In der Vorstellung vom Wissenschaftler als Verbrecher ist bereits auch seine Steigerung zum Wahnsinnigen angelegt – ein in der Literatur seit E. A. Poe belieb-ter Topos. Und wenn der Wissenschaftler als Wahnsinniger dann sogar die Weltvernich-tung anstrebt, erkennen wir darin den Argwohn, dass die Wissenschaft eine zerstöreri-sche Gegenaktion zur Schöpfung sei. Die Abkehr vom Mythos, der den Sinn des Ganzen stiftet, bringe dieses Ganze in reale Gefahr. Kompensiert werden diese negativen Kli-schees allerdings vom dritten idealtypischen Phantasiebild. Es entwirft den Wissenschaft-ler als Lichtgestalt und Heilsbringer. Diese Figuration entspringt der geheimen Erwartung, dass es die Wissenschaft doch noch schaffen könne, den Verrat am Mythos mit ihren ei-genen Mitteln zu überwinden und den verzweifelten Hunger nach dem Ursprung, nach der Zeit hinter der Zeit, zu stillen. In der Tat bleibt es eine chronische Versuchung auch der strengen Wissenschaft, irgendwann in diese Rolle zu rücken und mit dem Verspre-chen der absoluten Wahrheit zu kokettieren. Wer es in der akademischen Welt auf ein langes Leben bringt, erlebt das Aufstrahlen und Erlöschen solcher Lichtgestalten in an-sehnlicher Zahl. Sie sind meistens verbunden mit der Selbstinszenierung einer einzelnen Disziplin zur Leitwissenschaft, die mit nachsichtigem Lächeln auf alle andern hinabschaut.

Die Stereotype vom Wissenschaftler als dürrem Bücherwurm, als Verbrecher und Wahnsinnigem und schließlich als Lichtgestalt sind keineswegs auf die spätromantische Schauerliteratur beschränkt und auf deren großen Erben, den Film. Auch ein so kompro-missloser Mann der Moderne wie Thomas Bernhard hat sich vielfach und freudig dieses Vorrats bedient. Die drei drastischen Vorstellungen sind ja nicht einfach Produkte einer spießbürgerlichen Ranküne, sondern Ausdruck einer kollektiven Verunsicherung gegen-über dem Wahrheitsbegriff der Wissenschaft. Das Paradox, dass wissenschaftliches Wis-sen nur über die Demut des Nichtwissens zu gewinnen ist und den Verzicht auf die Totali-tät zur Voraussetzung hat, will den Menschen, denen an den ersten und letzten Dingen nun einmal gelegen ist, nur schwer einleuchten.    

Und hier darf nun daran erinnert werden, dass ein Mann, der Berlin als Ort des kühnen Denkens und der scharfen Debatten wesentlich mitgeprägt hat, die Differenz zwischen der Wahrheit der Wissenschaft und der Wahrheit des Mythos einst so präzis formulierte wie niemand zuvor. Es geschah im Auftakt zu einem öffentlichen Streit mit einem Geistli-chen, der die unbedingte Gültigkeit des mythischen Wortes donnernd verteidigte. Aus diesem Streit entsprang nicht nur die luzide Beschreibung der erwähnten Differenz, son-dern auch eine neue Prosa für die bürgerliche Öffentlichkeit in Deutschland. 1777 schrieb Gotthold Ephraim Lessing seine Duplik auf die Angriffe, denen er sich ausgesetzt sah, weil er die sogenannten Fragmente eines Ungenannten herausgegeben hatte, ein Grün-dungsdokument der historischen Bibelkritik. Jener Ungenannte hatte die inhaltlichen Wi-dersprüche in den vier Evangelien systematisch untersucht und die heiligen Texte zum Gegenstand einer kritischen Analyse gemacht. Ein Akt also, wie er sich heute in der isla-mischen Welt wiederholt, unter der Frage nämlich, ob man den Koran, das mythische Wort des Propheten, als historisches Dokument mit den Mitteln der modernen Philologie überhaupt betrachten dürfe. Lessing, der kein systematischer Philosoph war und der eine blitzende Metapher jederzeit den Begriffsclustern und Kategorientafeln vorzog, erkannte sehr rasch, dass es hier nicht um wahr oder falsch ging, sondern um zwei grundsätzlich unvereinbare Konzepte von Wahrheit. Entweder Wahrheit als essentiell Gegebenes, das nur anerkannt oder geleugnet werden kann, oder aber Wahrheit als Prozess. Der Priester verkündet die Wahrheit als das essentiell Gegebene, der Wissenschaftler vermag die Wahrheit nur als schöpferischen Prozess der Annäherung an ein nie Erreichtes zu verste-hen. Die Demut des Nichtwissens, das sokratische Axiom, leistet den Verzicht auf die Wahrheit als Besitz und gewinnt dafür die Wahrheit als Bewegung. Als Neugieriger, Zwei-felnder, Forschender lebt der Wissenschaftler auf die Wahrheit hin, ohne sie je blank wie eine Münze in der Tasche zu tragen. Im Begriff des Besitzes selbst steckt schon die Ver-fehlung. Denn Wahrheit als Besitz liquidiert den Prozess und damit das Wesen der Wis-senschaft.

Diese Dynamisierung des Wahrheitsbegriffs verweist nicht nur jedes Dogma in den Raum des Mythos, wo sein legitimer Ort ja auch ist, sondern öffnet überdies die Suche nach der Wahrheit in die Gesellschaft hinein. Was wir Öffentlichkeit nennen, ist eine Konsequenz der Wahrheit als Prozess. Mit der Debatte, die Lessing 1777/78 führte und die in den Kampfschriften gegen den Pastor Goeze, den Anti-Goeze I-XI, gipfelte, schuf er auch einen Raum, der die Auseinandersetzung allen Leserinnen und Lesern zugänglich machte. In diesem Raum, der seither Öffentlichkeit heißt, wurden die Zeitgenossen der Wahrheit als Prozess teilhaftig, und so wurde die Wahrheit als Prozess auch zur Basis der Demokratie.    

Die Sätze, mit denen Lessing den neuen dynamischen Wahrheitsbegriff gegen die fixierte Wahrheit des Dogmas abgrenzte, sind bekannt und vielzitiert. Manche, die hier versam-melt sind, werden sie auswendig wissen. Aber in feierlichen Stunden darf man das Be-kannte öffentlich wiederholen, zum Gedenken an den Mann, der auch dieser Universität einen Teil ihres intellektuellen Grundrisses gezogen hat.

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommen-heit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz –

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer re-gen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, ver-schlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!                          

Doch wie verhält sich nun die Wahrheit als Prozess zur großen Bibliothek? Ist die große Bibliothek, die insgeheim immer die ganze sein möchte, die alexandrinische in neuer Gestalt, und die nach einem anerkannten Gesetz alle zehn Jahre aus allen Nähten kracht, ist die große Bibliothek als die Akkumulation aller erreichbaren wissenschaftlichen Er-kenntnisse nicht die Rückverwandlung der Wahrheit als Prozess in die Wahrheit als Be-sitz? Gelangen hier nicht die Mühen der Forschung in die Ruhe einer gelassenen Gegen-wart? Gibt es denn ein schöneres Bild für den Frieden unter den Menschen als den Lese-saal einer großen Bibliothek, wo das Schweigen kultischen Charakter gewinnt, dem ritu-ellen Verstummen der Karthäuser und Trappisten verwandt? Und wo man doch gleichzei-tig erlebt, dass der Mensch auch in der größten Versenkung noch ein hörbares Wesen bleibt. Wie uns die nächtlich raspelnde Maus förmlich in den Ohren dröhnt, so begrenzt der Mausklick, das emblematische Geräusch unserer Zivilisation, die Ruhe der heutigen Bibliothek. ΨΥΧΗΣ ΙΑΤΡΕΙΟΝ, Heilungsort der Seele, soll in der Antike über dem Tor der Bibliothek von Theben gestanden haben, und diese Worte liest man heute noch über dem Eingang zur Stiftsbibliothek von St. Gallen in der Schweiz, wo einige der ältesten Zeug-nisse unserer deutschen Sprache liegen. Wie so viele ihrer geschorenen Brüder weigerten sich die Mönche von St. Gallen, die Weisheit der Welt als Torheit vor Gott zu verwerfen. Sie verehrten den Heiligen Paulus, aber folgten ihm nicht nach, sondern luden die ge-quälten Seelen ein, in dem herrlichen Büchersaal Genesung zu finden. Der Architekt die-ses barocken Raums, eines schwebenden Wunders, war Peter Thumb aus Bezau in Vor-arlberg. Er wurde fast in Rufweite von jenem Schweizer Dorf geboren, in dem Max Dud-ler, der Architekt des schönsten Lesesaals der Gegenwart, 268 Jahre später zur Welt kam. Die Distanz zwischen den zwei Orten beträgt keine 30 Kilometer, das ist etwa so weit wie von Potsdam nach Berlin Mitte.    

Die Frage ist also gestellt. Gelangen die Tumulte, die mit der Wahrheit als Prozess ver-bunden sind, in der großen Bibliothek zur Ruhe? Fahren hier die Säbel in endlich die Scheiden zurück, um friedlich nebeneinander zu hängen? Schön wär’s! Das Gegenteil ist der Fall. Die Bibliothek ist nicht einfach das Arsenal der Einsichten, die die Menschheit in endloser Mühe gewonnen hat, sondern auch ein ungeheures Museum des Unsinns und der Absurditäten. Schon Lessing hat den Irrtum in die Wahrheit als Prozess integriert. Und diesem Irrtum sind denn auch keine Grenzen gesetzt, so dass er sich, wird er im Nachhinein erkannt, oft genug nicht nur als falsch, sondern als blanke Narrheit entdeckt. Aber im gütigen Schoß der großen Bibliothek bleibt auch aufbewahrt, was eine Schellen-kappe trägt. Der Tempel der Weisheit ist zugleich Ship of fools, ein Narrenschiff. Und doch kann sich das Törichte eines Tages wieder als höchst sinnvoll erweisen. Da die Wahrheit der Wissenschaft prozesshaft ist, bleibt jede ihrer einmal erreichten Positionen weiterhin in Bewegung. „Was man Schwarz auf Weiß besitzt“, kann man zwar, wie der Erstsemestrige im Faust erklärt, „getrost nach Hause tragen“ (V. 1966f), und man kann es insbesondere auch in die Bibliothek stellen, nur mit dem sicheren Besitz ist es so eine Sache. Die Wissenschaften sind nicht nur an ihren Frontlinien ein Ereignis von gewaltiger Dynamik. Auch die einmal erreichten Resultate verändern sich mit jedem weiteren Schritt, den die Forschung tut. Richtiges entdeckt sich im Nachhinein als falsch, Falsches als richtig, und was jahrzehntelang im Schatten lag, rückt unversehens wieder in ein blendendes Licht. Auf die Bibliothek bezogen, heißt dies, dass alles, was sie aufbewahrt, sich im Zustand einer lautlos tobenden Unruhe befindet. Selbst wenn sich mehrere Jahr-hunderte auf eine Erkenntnis einigen, die zweifelsfrei besagt, was der Fall ist, verwandelt sich diese eines Tages doch wieder in ein mythisches Wort, dessen Geltung im Leeren hängt. So geschah es mit Newtons absolutem Raum, einem der größten Triumphe der neuzeitlichen Wissenschaft. Und die abendländische Alchemie, die allein viele Bibliothe-ken füllte, wurde mit Lavoisiers Traité élémentaire de chimie von 1789 zu einem wissen-schaftlichen Dinosaurier, von dem es nur noch da und dort Spuren oder versteinerte Eier gibt. Und doch erfuhr diese Alchemie mit ihrem Kosmos von Symbolen, ihrem Denken in Metamorphosen, ihren Visionen von Läuterung und Sublimation eine Wiederauferstehung in einer ganz andern Disziplin, in der Psychologie von Carl Gustav Jung. Hier wurde sie als eine Zeichenschrift entdeckt, welche fundamentale psychologische Vorgänge lesbar und einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich machte. Auch dies kann natürlich wieder verschwinden, aber als Ereignis dessen, was ich die lautlos tobende Un-ruhe der Bibliothek nenne, bleibt es beispielhaft.

     

Die Wahrheit als Prozess: Man hat immer wieder versucht, diesen Prozess selbst als ei-nen gesetzmäßigen nachzuweisen. Das geschah nicht nur in der deutschen Philosophie von Hegel bis Marx, es geschah auch bei Auguste Comte, dem Begründer der Soziologie, als er die Grundbewegung der denkenden Menschheit in seine berühmten drei Stadien aufteilte, das theologische, das metaphysische und das positive, welches letztere das Stadium der strikt empirischen Wissenschaften ist. Wie schon Lessing und Herder in ihren geschichtstheoretischen Entwürfen, stellte Comte diese Phasen in Parallele zur Entwick-lung des einzelnen Menschen vom Kind über den Jugendlichen zum Erwachsenen. Damit schien nun auch eine Ordnung in die lautlose Unruhe der Bibliothek zu kommen. Hatte denn das Ganze jetzt nicht ein Ziel? Und konnte damit nicht auch die innere Dynamik der Bibliothek geregelt und beruhigt werden? Ließ sich denn nicht alles, was hier vorhanden und aufgereiht war, einem der drei Stadien zuschlagen? Der Gedanke ist verführerisch, nur ist er selbst seine eigene Widerlegung. Denn er versteht sich zwar als Produkt der positiven oder positivistischen Erkenntnis, von heute aus aber erscheint er seinerseits theologisch. Als Aussage über das Ganze, die den Gang der Menschheit vorzeichnet und ihr Ziel benennt, ist sie ein Wort des Mythos. Gerade der Vorgang nämlich, dass die em-pirisch gesicherte Wahrheit einer Epoche sich in den Augen der nächsten oder übernächs-ten als Mythos erweist, gehört zum spektakulärsten Geschehen in der inneren Dynamik der Bibliothek. Wer als Wissenschaftler in die höheren Jahre kommt, hat es früher oder später in seinem eigenen Wahrheitshaushalt erfahren.

 

Ich komme zum Schluss. Ich habe bisher so getan, als wäre und bliebe die große Biblio-thek eine Angelegenheit des vom Doktor Faust verdammten Papiers. Ich bin mir indessen durchaus bewusst, dass die Dynamik der Bibliothek heute vordringlich als eine Dynamik der Schriftträger erlebt wird. Die Digitalisierung macht es möglich, dass die Bibliothek von Alexandria auf einem Fingernagel Platz fände. Damit entsteht ein neues Unter-gangsphantasma, das alle Vorgänger, vom Kalifen Umar über Canettis Blendung bis zu Fahrenheit 451 in den Schatten stellt. Wenn einmal die ganze schriftliche Überlieferung der Menschheit auf einem einzigen Superspeicher versammelt wäre, dann würde der Mausklick denkbar, der alles in einer Sekunde löscht. Selbst die Handbücher wären dann weg, mit deren Hilfe man das Verlorene wiederherstellen könnte. Das ist ein literarischer Stoff, der über kurz oder lang seinen Autor finden wird. Vorderhand ist allerdings die di-gitale Speicherung einer Bibliothek auf die Dauer noch unvergleichlich teurer als das viel-geschmähte und doch so wundersame Papier. Das Domesday Book, das Wilhelm der Ero-berer im Jahre 1085 anfertigen ließ, kann in den National Archives in London immer noch im Original eingesehen und studiert werden. Seine erste digitalisierte Version aber war schon nach zwanzig Jahren unbrauchbar. Es gibt inzwischen neue Versionen; sie werden vermutlich noch weniger lang vorhalten. Zwar ist von Verfahren der digitalen Speiche-rung, welche die Dauer wenigstens des Papiers erreichen sollen, immer wieder die Rede, aber vorderhand durchweg im Konjunktiv. Dass sie es eines Tages sogar zur Beständig-keit der assyrischen Tontäfelchen bringen könnten, die nach viertausend Jahren noch so frisch sind wie am Tag, als sie aus dem Brennofen kamen, bleibt eine utopische Spekula-tion unserer Zivilisation.

     

Aber jene Tumulte der Wissenschaft, von denen ich gesprochen habe, und ihr Gegen-spiel, das lautlose Toben der Bibliotheken, ändern sich durch die Metamorphosen der Schriftträger nicht. Und ebenso wenig verschwindet die merkwürdige Tatsache, dass die meisten Umbrüche in der Forschung, mindestens bei den Geisteswissenschaften, der Langeweile zu verdanken sind. Der Überdruss der Söhne an den Wahrheiten der Väter zeugt die neuen Fragen. Was eine Generation in Ekstase versetzt, macht die nächste nur noch gähnen. Doch das ist, mit einem bekannten Berliner zu sprechen, für heute ein zu weites Feld.

Vortrag anlässlich der Eröffnung des Brüder-Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität Berlin am 19. November 2009

 

 

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zuletzt geändert: 16.12.09 MW
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