Thomas Schmidt
Thomas Schmidt
Laudatio auf die Künstlerin Ceal Floyer und ihre Installation „Vorsicht Stufe“.
Verehrte Festversammlung,
Ihnen, liebe Ceal Floyer, ist es gelungen, eine Aufgabe zu lösen, die viele für unlösbar hielten. Die nüchternen Formulierungen des Ausschreibungstextes zu jenem Wettbewerb, dessen Ergebnis wir heute einweihen, lassen dies allenfalls erahnen. Unter der Überschrift „Wettbewerbsaufgabe“ heißt es da: „Das denkmalgeschützte Entrée [des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität] ist deutlich von seiner Entstehungszeit in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägt. An zentraler Stelle wurde 1953 in goldenen Lettern ein Zitat von Karl Marx angebracht: ‚Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.’ Mit einer künstlerischen Intervention […] soll das Zitat kontextualisiert und dem Foyer eine moderne Gestalt gegeben werden.“.
Die Marxsche These hatte man auf Anordnung der SED angebracht, nachdem das Foyer des im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Universitätsgebäudes in neuer Gestaltung wieder aufgebaut worden war. Als die Mauer gefallen und die Universität wieder eine gesamtdeutsche Hochschule geworden war, wurde die Frage, wie mit der Inschrift zu verfahren sei, immer wieder kontrovers diskutiert. Unvereinbare Positionen standen einander gegenüber. Wie sollte es da gerade der Kunst gelingen, eine Antwort zu finden – und, wenn’s denn recht ist, auch noch eine echte, mutige Antwort, und nicht nur eine, die es zaghaft allen recht zu machen versucht?
An den Moment, als Ceal Floyer den Sitzungsraum der Jury betrat, um ihren Vorschlag zu präsentieren, erinnere ich mich noch genau. Mit Leichtigkeit und zugleich großem Ernst stellte die Künstlerin ihre Idee vor, die Aufgabe durch eine ebenso schlichte wie eindrückliche Geste zu lösen. Mit ihrem Vorschlag, an jeder Stufe unserer Treppe einfach ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht Stufe“ anzubringen, hat Ceal Floyer ein doppeltes Kunststück vollbracht: Ihr Entwurf zeigt, dass die gestellte Aufgabe, Skeptikern zum Trotze, lösbar ist – das war beruhigend. Die Art und Weise aber, wie sie gelöst wurde – das war und ist begeisternd. Nicht nur hat Ceal Floyer eine künstlerische Antwort auf eine offene Frage gefunden, ganz nebenbei hat sie eben damit ein bemerkenswertes Kunstwerk geschaffen.
Unsere Treppe hier im Foyer ist nicht die erste Treppe, mit der Ceal Floyer künstlerisch zu tun hatte. In ihrer Wahlheimat Berlin, in der die 1968 geborene Künstlerin, die am renommierten Goldsmith-College in London studiert hat, seit 1997 lebt und arbeitet, ist sie vielen durch ihre Installation „Scale“ bekannt. Treppenförmig angeordnete schwarze Lautsprecher führen zur Decke des Raumes, aus den Boxen tönen gespenstische Schrittgeräusche. Es scheint, als gehe jemand die Lautsprechertreppe hinauf und verschwinde unterhalb der Decke plötzlich im Nichts. Für diese Installation wurde Ceal Floyer vor zwei Jahren mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Kunst ausgezeichnet.
Die Installation „Vorsicht Stufe“ steht, ebenso wie die Treppe „Scale“, in paradigmatischer Weise für Ceal Floyers künstlerischen Stil. Ihre Arbeiten sind minimalistisch reduziert, immer geistvoll und oft von präzisem Humor. Sie werfen viele Fragen auf, und sie schlagen auch Antworten vor, ohne dabei bevormundend zu wirken. Mit ihrem jeweiligen Kontext spielen sie in subtiler Weise.
Dies gilt auch, um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen, für das „Monochrome Till Receipt (White)“ – den „einfarbigen Kassenzettel (weiß)“: ein Kassenzettel, auf dem einige Einkäufe vermerkt sind. Sie alle – etwa Mehl, Salz, Milch usw. – sind weiß. Ceal Floyer sagt dazu: „Das war wichtig für mich und mein Verhältnis zur Kunstgeschichte: Ich wollte mein eigenes monochrome machen.“ Der Kassenzettel ist auch ein gleichsam mit ruhigem Lächeln angebrachter Kommentar zum Ausstellungsmachen insgesamt. Noch bis zum 8. November ist er, zusammen mit einer Auswahl aus Floyers Oeuvre, in den Berliner Kunst-Werken in der Auguststraße zu sehen. Nach internationalen Ausstellungen unter anderem in Barcelona, Basel, Neapel und New York ist dies Floyers erste große Einzelausstellung (schlicht show betitelt) in Deutschland.
Floyer arbeitet mit ganz unterschiedlichen Medien und Materialien. Das Spektrum ihres Oeuvres reicht von Readymades über einfache Papierarbeiten bis hin zur großen multimedialen Installation. Sie geht überaus material-, form- und sprachbewusst vor. In ihrer künstlerischen Tätigkeit überlässt sie nichts dem Zufall. Hinter dem, was mit Leichtigkeit und leisem Humor daherkommt, steckt sorgfältige gedankliche Kalkulation. Alle Details werden immer wieder erwogen. In einem Interview sagte sie: „Das Schwierigste ist der ständige Kampf, alles im Lot zu halten. Wenn die Sache zu sehr in eine Richtung geht, wird sie zu schwerfällig, wenn sie zu weit in die andere geht, wird sie zu humoristisch. Ich bin andauernd dabei, das Gleichgewicht auszutarieren.“
Eine große Rolle spielt für Floyer auch die Reflexion auf den Umgang des Publikums mit ihren Arbeiten. Nicht zuletzt kommt ihr hierbei, wie sie selbst betont, der reiche Erfahrungsschatz zugute, den sie früher als Aufseherin in Museen und Ausstellungen gesammelt hat.
Ebenso wie ihre Arbeiten ist sie auch als Person leise, humorvoll, unaufgeregt und konzentriert. Mit jener besonderen Mischung aus Leichtigkeit und tiefem Ernst, die für ihre Arbeiten und für ihre Person charakteristisch ist, hat Ceal Floyer ihren Entwurf seinerzeit auch der Jury der Humboldt-Universität vorgestellt. Floyers Arbeit für unser Foyer ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil sie auf so vielen verschiedenen Ebenen überzeugt:
(1) Die Installation „Vorsicht Stufe“ lässt facettenreiche Deutungen zu, zwingt sich aber dem Betrachter nicht dominant als etwas auf, was gedeutet werden muss. Das Werk ist klug, ohne pädagogisch zu sein. Das ist wichtig an einem Transitort, den hunderte sehr verschiedene Menschen täglich zum Teil mehrfach betreten.
(2) Die Aufschrift „Vorsicht Stufe“ kann, muss aber nicht auf das Marx-Zitat bezogen werden. Wird der Bezug hergestellt, so kann dies in vielfältiger Weise geschehen. Das Kunstwerk kontextualisiert daher das Marxzitat, ohne Gefahr zu laufen, es auf problematische Weise zu kommentieren. Mit ihrer Installation versucht Floyer damit gar nicht erst, sich in einer Debatte zu positionieren, in der man mit jeder Antwort in ein Minenfeld tritt.
(3) Dennoch wirkt Floyers Arbeit nicht wie eine Flucht vor einer Stellungnahme, sondern drückt Esprit und Selbstbewusstsein aus. Durch ihre leise Bildersprache ist die Installation zugleich ein Gegenentwurf zu der intendierten Autorität des Marxzitats. „Vorsicht Stufe“ ist damit auch ein Protest gegen propagandistische Vereinfachung.
(4) Floyers Installation überzeugt nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern ist auch physisch unmittelbar präsent. Auch hierbei drängt sie sich dem Betrachter jedoch weder auf, noch dominiert sie den Raum des Foyers. Obwohl die Installation klar als künstlerische Intervention erkennbar ist, fügt sie sich optimal in den Kontext des Raumes ein. Der Künstlerin gelingt es dabei intelligent, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Transitort Treppe zu lenken.
(5) Was die erreichte Aufmerksamkeit angeht, so hat Floyers Arbeit einen interessanten paradoxen Effekt: Wenn man sich beim Treppensteigen zu sehr auf die Betrachtung der warnenden Schilder konzentriert, so droht man, ins Stolpern zu geraten. Dass sich Ceal Floyer mit Blick auf diese durchaus beabsichtigte Wirkung nicht verkalkuliert hat, war in den vergangenen Tagen bereits zu beobachten.
(6) Und schließlich: Man muss nicht immer hinsehen. Wer diese Treppe in seinem Alltag täglich mehrfach betritt, muss sich dem Kunstwerk auch einmal entziehen dürfen. Floyers Installation lässt auch diesen Umgang zu.
Einem Kunstmagazin hat Ceal Floyer einmal gesagt, sie betrachte den Kontext als ein eigenes Medium in seinem eigenen Recht. Ist ein Kunstwerk gefragt, das explizit für die Kontextualisierung von etwas bereits Bestehendem entworfen werden soll, so braucht man genau eine solche Künstlerin. In ihrer Installation für die Humboldt-Universität hat Floyer den Kontext ganz wortwörtlich als eigenes Medium genutzt: Die Stufen der Treppe tragen – dies ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes – das Werk.
Man ist zu sagen versucht: Manche Kunst interpretiert die Welt nur verschieden. Es kommt aber auch darauf an, sie zu verändern. Genau das haben Sie, liebe Ceal Floyer, in herausragender Weise mit unserem Foyer getan. Dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken.
Gehalten am 12.10.09 von Thomas Schmidt im Rahmen der Einweihung von Ceal Floyers Installation „Vorsicht Stufe“ im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin.