Ulrich Gumbrecht
Ulrich Gumbrecht
Warum, verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Regierender Bür-germeister, Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, warum sollte ein inzwischen in Kalifornien beheimateter, einst in Konstanz aufgezogener Li-teraturwissenschaftler, Komparatist und Romanist zugleich – warum also sollte ausgerechnet so jemand zum Jubiläum dreier Wissenschaftsinstitutionen spre-chen, die jedenfalls auf den ersten Blick und im Unterschied zu Hans Ulrich Gumbrechts Biographie so unendlich deutsch wirken, ja mehr: so unendlich an Berlin erinnern? Ich könnte es mir einfach machen und mit der Charakteristik unseres Festredners beim letzten seiner Essays aus „Vom Leben und Sterben der großen Romanisten“ beginnen . Am Ende von Büchern findet sich gewöhn-lich ja wohl der Höhepunkt und am Ende dieses Büchleins steht Gumbrechts Essay über den gar nicht besonders großen, schon nach seiner wuchtigen Phy-siognomie meisterlich beschriebenen Romanisten Werner Krauss, Hans Georg Gadamers Freund, der nach Studium in München und Marburg kommunisti-sche Flugblätter gegen Hitler in Schöneberg klebte, in Plötzensee mit gefessel-ten Händen einen Roman schrieb, zur Leitung einer Arbeitsgruppe über deut-sche und französische Aufklärung an die Ostberliner Akademie der Wissen-schaften berufen und schließlich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof be-graben wurde. Werner Krauss wurde am 19. Juli 1947 Mitglied der damaligen Deutschen Akademie der Wissenschaften und schrieb schon am 28. August 1950 an den Referenten des damaligen Ministers für Volksbildung der DDR: „Für eine „Besserung der Verhältnisse an der Humboldt-Universität bin ich be-reit, meine letzten Arbeitskräfte zu opfern“ . Ich versage mir, weitere Kostpro-ben der meisterlichen Kunst geben, mit der Hans Ulrich Gumbrecht nicht nur die Veränderungen im physiognomischen, sondern auch im inhaltlichen Profil des schwer depressiven Krauss in gemeißelte Sätze gießt und komme statt des-sen auf meine Ausgangsfrage zurück, die da lautete: Warum sollte ein Professor of French, Italian and Comparative Literature der Leland Stanford Junior Uni-versity eine die Festwoche zum gemeinsamen Jubiläum dreier, im Vergleich gar nicht so alter europäischer Wissenschaftseinrichtungen eröffnen – wer nach dem pars pro toto gegebenen Hinweis auf die soliden Kenntnisse der Berliner Wissenschaftsgeschichte noch an der Trefflichkeit der Auswahl zweifelt, dem sei das aus Dispositiven, Codes und zusammengebrochenen Codes montierte, den Döblin auf die Spitze treibende Buch über das Jahr 1926, „ein Jahr am Ran-de der Zeit“, empfohlen, in dem auf einer knappen Seite – der Seite elf – die Situation der Geisteswissenschaften hierzulande so treffend beschrieben wird, wie in kaum einer der vielen Reden zum vergangenen Jahr der Geisteswissen-schaften oder wann auch immer. In diesem ganz besonderen Lexikon ist soviel Berlin eingefangen, wenn einigermaßen umfassende Impressionen jenes Jahres 1926 gegeben werden sollen, natürlich weit mehr als nur Berliner Wissen-schaft, als nun eben eingefangen werden muß, – und das unter so verschiede-nen und wohl auch auf den ersten Blick überraschenden Lemmata wie „Bergsteigen“, „Feuerbestattung“, und „Mumien“, aber natürlich auch unter den durchaus erwartbaren en Stichworten „Lichtspielhäuser“ oder „Sechs-Tage-Rennen“ und das ist nun der Moment, in dem für Kenner des Gumbrecht-schen Werkes versichert werden muß, daß der ostdeutsche Romanist Werner Krauss und der ostdeutsche Fußballspieler gleichen Namens nicht verwandt sind und auch sonst kaum etwas miteinander zu tun haben. Natürlich könnte ich auch das wunderbar provokative Heftchen unter dem Titel „Die Macht der Philologie“ anführen und die Charakteristiken der großen Berliner Mandarine der klassischen Philologie darin: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Wer-ner Jaeger, fünf Seiten und fast alles gesagt, was zum Thema zu sagen ist. Und wer etwa auch jetzt noch immer nicht von der ratio unserer Auswahl überzeugt sein sollte, dem könnte ich noch ein Bündel einschlägiger Charakterisierungen aus Rezensionen dieser und anderer Opera Gumbrechtiana vortragen. Viel-leicht aber doch besser ein einziges für viele: „Hans Ulrich Gumbrecht ist einer der wenigen deutschen Geisteswissenschaftler, die weltweit Gehör finden“. Warum also sollten nicht auch wir ihm Gehör schenken?
Gumbrecht ist herrlich einseitig und verfaßt Westküstenkolumnen, die unter dem Titel „California Graffiti“ publiziert sind. Und trotzdem bleibt er vielseitig, „über den schnellen Aufstieg, die unsichtbaren Dimensionen und das plötzliche Abebben der begriffsgeschichtlichen Bewegung“, dreißig Seiten mit neunund-zwanzig gelehrten Anmerkungen, leider nie im Archiv für Begriffsgeschichte erschienen, sondern nur in einem Sammelband Gumbrechts, gemeinsam mit dem wiederabgedruckten, unentbehrlichen Modernitätsartikel aus den „Ge-schichtlichen Grundbegriffen“ und dem gleichfalls kaum dispensiblen Beitrag „Postmoderne“ aus dem neuen Reallexikon der deutschen Literaturwissen-schaft. Vielleicht noch ein Stück solider im klassischen alteuropäischen Sinne: Eine Geschichte der spanischen Literatur, zwei Bände, Frankfurt am Main 1990 – ja, wenn da nicht die Kursivierung im Titel wäre: „eine Geschichte“. Es möchte also auch noch eine andere geben. Eine der vielen kleinen Gumbrechtscheb Frechheiten, denn natürlich sollen wir diese eine lesen und nicht die anderen.
Und wie hält man nun, verehrter Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren, das Oeuvre dieses herrlich einseitigen, wunderbar vielseitigen, grund-soliden und so querständigen Kollegen wenigstens begrifflich zusammen? Ich wähle für heute den uns in Berlin wohlvertrauten Begriff „Risiko“: Hans Ulrich Gumbrecht rühmt am erwähnten Romanisten Krauss dessen „riskantes Den-ken“ und schreibt: „Das ist jenes Denken, welches von unseren alltäglichen Begriffen und Institutionen ausgeschlossen bleibt und in dem gerade deshalb – vor allem hinter den Mauern des akademischen Elfenbeinturms - eine große Chance für die Intellektuellen liegt“ . Wer wie Gumbrecht ostentativ ein Buch ohne den Zweck moralischer und politischer Erbauung schreibt, ohne Bemü-hung „um Originalität, geistreiche Wendungen, schönen Stil und dergleichen“ (das erwähnte Buch über das Jahr 1926), obwohl er das ohne Zweifel alles kann, der liebt offenkundig das Risiko. Und da haben wir dann auch das letzte unter den vielen guten Motiven, Hans Ulrich Gumbrecht einzuladen. Man kann, allzumal in diesem Jubiläumsjahr, die vielen bemühten Worte über das jeden-falls im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert maßstabsetzende deutsche Bildungs- und Wissenschaftssystem angesichts seiner gegenwärtigen Malaise kaum mehr hören; risikoreiches Denken und Reden ist also schon gefragt, um der Langweile zu wehren (um nicht erneut vom Bildungsnotstand zu reden). Und deswegen haben wir Hans Ulrich Gumbrecht heute um risikoreiche Worte gebeten, aber, um angesichts des festlichen Rahmens das Risiko dann ein we-nig zu minimieren, auf eine reichliche halbe Stunde begrenzt, obwohl so viel mehr zu sagen wäre und er es gewiß auch zu sagen wüßte. Lieber Herr Kollege Gumbrecht, ich darf Sie um Ihren Festvortrag bitten!