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Berlin - Hauptstadt für die Wissenschaft 2010

Ulrich Gumbrecht1

OB UNS DIE BERLINER UNIVERSITAETSGESCHICHTE EINE VERPFLICHTUNG IST

Rede zur Eroeffnung der akademischen Jublilaeumsfestwoche am 6. Oktober 2010

Am 6. Oktober 1810 immatrikulierten sich die ersten sechs Studenten an der zum Wintersemester neu eröffneten Friedrich Wilhelms-Universitaet zu Berlin. Damit wurde sie zu einem Ort, der neues Wissen hervorbringen sollte und aus persoenlichen Begegnungen erwachsende intellektuelle Energie. Schon seit 1700 hatte die Kurfürstlich Brandenburgische Societaet der Wissenschaft bestanden, die spätere Preussische Akademie, und seit 1710 das "Charité" genannte Krankenhaus, an dem Soldaten behandelt und junge Ärzte ausgebildet wurden. Doch erst mit der Gründung der Universität verwandelte sich die Geschichte der akademischen Institutionen von Berlin in eine singuläre und zugleich exemplarische Geschichte.

Mit genauerem und vielleicht auch kritischerem Blick, als man es von einer Geburtstagsrede erwarten mag, will ich fragen, ob sich in den seither vergangenen zweihundert Jahren spezifische Merkmale einer Identität ausmachen lassen, die nicht zum vorhersehbaren Allgemeinen der akademischen Fest-Rhetorik gehoeren und so erklären koennen, warum Berlin im spaeten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als das Zentrum und Vorbild moderner Wissenschaft galt. Vor allem aber geht es um das Verhältnis dieser grossen Tradition zur Gegenwart der deutschen Universitäten: gibt es in dieser Gegenwart spezifische Probleme, die es nahelegen, das spezifische Profil der Berliner akademischen Geschichte als eine Verpflichtung zur Korrektur und Veränderung hervorzuheben? Ich stelle diese Fragen, obwohl ich weiss, dass es längst zum Standard geworden ist, jene Humboldtschen Ideale, an die uns der Name der Berliner Universität denken laesst, als unvereinbar mit der heutigen Wirklichkeit der Hochschulen abzutun.

Was war die historische Konstellation von Bedingungen, unter denen es 1810 zur Gründung der Berliner Universität kam? Sie war vor allem motiviert durch die Niederlage Preussens gegen das napoleonische Heer im Jahr 1806 und den daraus folgenden Verlust der Universität Halle und der Universität Göttingen, die kurz unter preussischer Verwaltung gestanden war. Schon 1807 hatte eine Gruppe von Hallenser Professoren Koenig Friedrich Wilhelm III. im ostpreussischen Memel aufgesucht und gedrängt, zum Ausgleich fuer diese Verluste in Berlin eine Universität ins Leben zu rufen. So kam das Projekt zu einer Zeit auf den Weg, da man zum ersten Mal akademische Erneuerung als Ergebnis institutioneller Strukturen verstand -- und nicht allein als Folge gewandelter Inhalte in der Lehre. Die Form der Berliner Hochschule war abgestellt auf ein Ideal individueller Bildung, das eher aus der Intensität intellektueller Auseinandersetzung erwachsen sollte denn aus der Quantität vermittelten Wissens. Wie es Immanuel Kant 1798 in seiner Schrift ueber den Streit der Facultaeten gefordert hatte, wurde diese Universität deshalb als Ort der Concordia discors geplant, das heisst: als Ort der paradoxalen Einheit zwischen einer auf Pluralisierung der Positionen ausgerichteten intellektuellen Kultur und der all diese Positionen einigenden Überzeugung, dass Auseinandersetzung -- im wörtlichen Sinn -- das machtvollste Medium der Wahrheitsfindung sei. Konvergenz-Dimension fuer alle Individualbildung war die Nation, doch sollte sich diese Beziehung "absichtslos" ergeben, das heisst: ohne dass die Universität "zu einer Veranstaltung im Gebrauch des Staates herabsinke," wie es Friedrich Schleiermacher 1808 in seinen Gelegentlichen Gedanken zu einer Universität im deutschen Sinn formuliert hatte. Aus dem Nachwort dieser Broschüre erfahren wir auch, dass die Wahl Berlins zum Standort der neuen Universität keinesfalls selbstverständlich war. Unter den "nicht zu verkennenden Nachteilen" der preussischen Hauptstadt erwaehnte Schleiermacher ihre "Weitläufigkeit," die "Teurung der Bedürfnisse," die "Leichtigkeit der Zerstreuungen," die "Mannigfaltigkeit andringender Versuchungen" und die "Ofensitzerei vieler Jünglinge, die hier schon auf Schulen erzogen, hier auch studieren und hier gleich in die Verwaltung treten wuerden." Dem stelle nur einen Vorteil gegenueber: Berlin sei "in den preussischen Staaten der reichste Sammelplatz von Gelehrsamkeit, von Talenten, von Kunstuebungen aller Art, insofern es viele Institute in sich fasst, welche die Universität unterstützen und wiederum durch die Verbindung mit ihr neuen Glanz oder hoehern Charakter bekommen koennten." Akademie und Charité waren die wichtigsten dieser Institute. Mit ihnen als Nachbarn nahmen zweihundertsechsundfuenfzig junge Männer im Oktober 1810 an der Berliner Universität ihr Studium auf, "ganz unfeierlich, aber arbeitsam," wie es der Universitaetshistoriker Rüdiger von Bruch beschrieben hat.

Drei intellektuelle Momente haben die Berliner Universitaetsgeschichte ueber zweihundert Jahre zu einer besonderen Geschichte gemacht: die grosse Zeit der Philosophie in der ersten Haelfte des neunzehnten Jahrhunderts; die Entwicklung der vor allem in der Medizin – und das heisst: vor allem an der Charité -- angewandten Naturwissenschaften im spaeten neunzehnten Jahrhundert; und die Herausbildung der theoretischen Physik zur Quantenphysik an der Universitaet und an der Akademie waehrend der ersten drei Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte und der Theologe Friedrich Schleiermacher waren unter den ersten Professoren, welche an die neue Hochschule berufen wurden. Hinzu kamen 1818 Hegel und spaeter Schelling. Fichte, Schleiermacher und Hegel bekleideten je fuer ein Jahr das Amt des Rektors, doch das paedagogische Talent dieser Philosophen entsprach nur selten ihrer Bedeutung und ihrem institutionellen Ehrgeiz: „Hegel,“ erinnerte sich einer seiner Hoerer, „sprach nicht glatt, nicht fliessend, fast bei jedem Ausdruck kraechzte er, raeusperte sich, hustete, verbesserte sich staendig. Seine Vorlesung war eher ein Monolog, es schien, als vergaesse er seine Hoerer.“ Und doch gab es Augenblicke, wo sich Hegels Studenten in der Gegenwart des lebendigen Geistes fuehlten: „Oft jedoch, wenn er sich raeusperte, hielt er in seinem Vortrag inne; es war zu erkennen, dass sein Gedanke untertauchte. In solchen Augenblcken sprach er glatt und seine Worte fuegten sich zu einem Bild voller unvorhergesehenen Zaubers zusammen.“ Aber nicht nur die Bewusstseinsphilosophie des deutschen Idealismus entfaltete sich in Berlin, sondern auch jene individualisierende Kunst in der Interpretation der Vergangenheit, die wir heute „Historismus“ nennen. Dafuer standen das Werk des Rechtsphilosophen Carl von Savigny, die Arbeiten von August Boeckh, der die Philologie in Deutschland zur Wissenschaft erhob, der grosse Historiker Leopold von Ranke und im spaeten neunzehnten Jahrhundert der Altphilologe Wilamowitz-Moellendorff und Theodor Mommsen, dessen Buecher zur Geschichte des antiken Rom 1902 mit dem Nobelpreis fuer Literatur ausgezeichnet wurden. Selbst fuer Arthur Schopenhauers Philosophie des Willens war Platz an der Berliner Universitaet, so sehr er auch unter Hegels uebermaechtiger Konkurrenz litt. Im wahrsten Sinn des Wortes war diese Berliner Philosophie also eine Enklave der Auseinandersetzung, wo die verschiedensten Positionen durch Kontrast und Spannung ihre Konturen ausbildeten. Deshalb brachte sie Schueler wie Heinrich Heine, Ludwig Feuerbach, der noch Hegels Vorlesungen folgte, Karl Marx, der von Feuerbach angeregt wurde, Friedrich Engels, Soeren Kierkegaard und Jacob Burckhardt auf die intellektuelle Bahn -- und leistete gewiss auch ihren Beitrag zum Anwachsen der Studentenzahl auf achtzehnhundert in Hegels Sterbejahr 1831.

Der Weg der Naturwissenschaften hin zur Anwendung in der Medizin nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war von zwei Voraussetzungen geebnet worden. Einmal von einer nicht zu uebersehenden Diskontinuitaet zwischen Forschung und praktischen Zielen, welche – und hier liegt nach der Concordia discors ein zweites Paradox – den Erfolg der Naturwissenschaften in der Medizin nur befoerderte; zum anderen von einer neuen Konvergenz zwischen Naturbeobachtungen und ihrer mathematischen Bearbeitung, wie sie vor allem Hermann von Helmholtz vorgab. Von seinem Schueler Max Planck wissen wir allerdings, dass auch Helmholtz die Lehre kaum am Herzen lag: „Helmholtz hatte sich offenbar nie richtig vorbereitet, er sprach immer nur stockend, wobei er in einem kleinen Notizbuch sich die noetigen Daten heraussuchte, ausserdem verrechnete er sich bestaendig an der Tafel, und wir hatten das Gefuehl, dass er sich selber bei diesem Vortrag mindestens ebenso langweilte wie wir.“ Die doppelte Grundlage einer erneuerten naturwissenschaftlichen Forschung ermoeglichte die Entdeckung der Zellstruktur des menschlichen Koerpers durch Rudolf Virchow, der zugleich von der Charité das Gesundheitswesen in Berlin und in Preussen reformierte und zu einem von Otto von Birmarcks grossen innenpolitischen Antagonisten wurde. Als Direktor des Hygienischen Instituts der Charité identifizierte Robert Koch den Tuberkulose-Erreger und wurde dafuer 1905 mit dem Nobelpreis fuer Medizin belohnt. Doch noch eindrucksvoller als die siebenundzwanzig Nobelpreise in Medizin, Physik und Chemie, welche Berliner Wissenschaftler zwischen 1901 und 1956 gewannen, ist wohl noch einmal die Phalanx ihrer Studenten. Max Planck gehoerte, wie schon gesagt, zu ihnen und Robert Kochs Schueler Emil von Behring, der -- schon in Marburg -- ein Heilmittel fuer Diphterie entwickelte und dafuer 1901, noch vor seinem Lehrer, mit dem Nobelpreis geehrt worden war. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lag die Zahl der Studenten an der Friedrich Wilhelm-Universitaet bei zehntausend.

Jene Ruhmeszeiten der Philosophie und der angewandten Naturwissenshaft ueberbot dann noch die Emergenz der Quantenphysik in Berlin am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Voraussetzung scheint erneut eine Berufungspolitik gewesen zu sein, die den produktiven Dissens foerderte. Max Planck war 1913 Rektor seiner Universitaet, gewann 1918 den Nobelpreis und nahm entscheidenden Einfluss auf die Ernennung von Albert Einstein, seinen Nobel-Nachfolger von 1921, zum Akademie-Professor, ohne je ganz mit ihm einig zu sein. Zwischen Werner Heisenberg, dem Nobelpreistraeger von 1932, und Erwin Schroedinger, seinem Nachfolger im naechsten Jahr, herrschte eine offene intellektuelle Rivalitaet, die freilich keinesfalls zu einem Hindernis fuer Schroedingers Berufung wurde. Freilich war dieser einmalige Hoehepunkt in der Eminenz der Berliner Wissenschaft war zugleich ihr Ende: denn Schueler vom Kaliber eines Emil von Behriing oder eines Max Planck brachte die Garde der Jahrhundertphysiker nicht mehr hervor.

Das hatte gewiss mit der politischen Geschichte der Berliner Universitaet seit 1932 zu tun. In jenem Jahr waehlten fuenfundsechzig Prozent ihrer Studenten die Kandidaten der nationalsozialistischen Partei zu ihren Vertretern. Waehrend Albert Einstein und Erwin Schroedinger Deutschland verliessen, arrangierten sich andere Groessen, unter ihnen Max Planck, Werner Heisenberg und der beruehmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, mit dem Dritten Reich. Die Spuren des Widerstands sind schwach und sollten die Nachwelt auch in einem Jubliaeumsjahr nicht blenden. Umso deutlicher waren auf der anderen Seite die Initiativen der Anpassung an die neue politische Umwelt durch eine zum Beispiel auf Rassenhygiene oder Wehrwissenschaft umgepolte Forschung und Lehre. Zugleich wurde eine fuer ganz Deutschand geltende kulturpolitische Vorgabe durch die Verringerung der Studentenzahl auf sechstausend erfuellt.

Obwohl mir eine Gleichsetzung zwischen dem Dritten Reich und der Deutschen Demokratischen Republik fernliegt, kann ich nicht umhin festzustellen, dass sich die 1949 in „Humboldt Universitaet“ umbenannte Berliner Hochschule bis 1989 intellektuell nicht erholte. Trotz unbestreitbarer individueller Kompetenz und Bemuehung konnte unter totalitaeren Bedingungen kein intensives geistiges Leben im institutionellen Rahmen entstehen. Als die Humboldt-Universitaet 1988 ihre Tagung zum zweihundertsten Jahrestag der Franzoesischen Revolution organisierte, ein gutes Jahr im voraus, weil man – wohl zurecht -- davon ausging, 1989 mit anderen Zentren der historischen Forschung nicht konkurrieren zu koennen, nahm ich die Einladung an, einen Vortrag beizusteuern. An nicht viel mehr erinnere ich mich heute als an leere Flure ohne Studenten und den penetranten Geruch von Bohnerwachs.

Was sind nun die besonderen, vielleicht ja sogar die singulaeren Merkmale, welche wir in der Berliner akademischen Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre identifizieren koennen? Ich moechte vier von ihnen benennen. Zum ersten faellt auf, wie erstaunlich viele unter ihren beruehmtesten Wissenschaftlern Rektoren der Universitaet wurden. Doch am Beispiel von Max Planck wird deutlich, dass dies – im zwanzigsten Jahrhundert zumindest – weder der Universitaet noch den Wissenschaftlern gut bekommen ist. Auffaellig und von 1810 bis 1933 konsistent war zweitens eine Berufungspolitik, die auf den nicht zum Konsensus verpflichteten Streit zwischen antagonistischen Positionen als Medium der Wahrheitsfindung setzte. Drittens verdankte sich die internationale Eminenz der Berliner Universitaet, der Charité und der Akademie vor allem einer Forschung, die kaum je auf praktische Anwendung ausgerichtet war. Das galt fuer die idealistische Philosophie, ohne deren Grundlage die heute zu einer weltgeschichtlichen Episode gewordene Welt des Kommunismus nicht haette entstehen koennen -- und vielleicht nicht einmal die Sozialdemokratie als weltanschauliche Realitaet; das galt fuer jene Entdeckungen, aus denen die moderne Medizin in Berlin entstand; und das galt in tragischer und irreversibler Weise auch fuer die Quantenphysik, deren Erfinder nicht damit gerechnet hatten, dass sie der Herstellung nuklearer Waffen den Weg ebneten. Schliesslich haben die Berliner Universitaet und die Charité bis ins fruehe zwanzigste Jahrhundert unvergleichlich bedeutende Generationen von Studenten hervorgebracht, weil sie an der institutionellen Form der Naehe zwischen Lernen einerseits und aktivem Denken und Forschen andererseits festhielten. Unter dieser Voraussetzung wirkten auch jene grossen Wissenschaftler inspirierend, denen die Lehre – wie Hegel oder Helmholtz – eine bestaendige Muehe war.

Gibt es nun fuer die drei zuletzt genannten Merkmale aus der akademischen Geschichte von Berlin eine spezifische Relevanz im Blick auf die heutige Situation der deutschen Universitaeten – oder ist es naive und im schlechten Sinn „romantische“ Festtagsrhetorik, sie im Status von Orientierungen ins Feld zu fuehren? Die Frage muesste ja gerade in Berlin legitim und vielleicht sogar willkommen sein, da es der Humboldt-Universitaet in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch nicht gelungen ist, an ihre ganz grosse Tradition von vor hundert Jahren anzuschliessen. Dabei beziehe ich mich nicht auf den Exzellenz-Wettbewerb unter den deutschen Universitaeten, in deren ersten Runde sie nicht zu den Gewinnern gehoerte – denn dies koennte durchaus ein verdecktes Symptom von Exzellenz gewesen sein. Doch es ist erstens mein Eindruck, dass aufgrund des Stils akademischer Berufungen in Deutschland ein Streit der Fakultaeten und Positionen als Quelle intellektueller Intensitaet heute nicht mehr entstehen kann. Eher dominiert eine manchmal als „Interdisziplinaritaet“ gepriesene, aber meist sterile Komplementaritaet und eine Homogenitaet wissenschaftlicher Schulen, die das Feld der Forschung in eine Landschaft von Zaeunen, Waellen und voreinander sicheren Burgen verwandelt hat. Positionen, die als grundlegend anders von der eigenen erfahren werden, aechtet man schnell mit dem Anathem der „Unwissenschaftlichkeit.“ Zweitens laesst sich die produktive Diskontinuitaet zwischen Forschung und ihrer praktischen Anwendung dort kaum durchhalten, wo die Qualitaet der Forscher vor allem an ihrem Erfolg bei der Drittmitteleinwerbung bemessen wird. Damit hat der deutsche Staat seine Universitaeten auf eine problematische Fremdbestimmtheit verpflichtet. Und drittens koennen die Bologna-Beschluesse und die aus ihnen erwachsenden Verpflichtungen wohl nicht verwirklicht werden, ohne dass man Forschung und Lehre ganz offiziell voneinander entkoppelt, was „Freistellung von der Lehre“ mehr als je zuvor in einem akademisch-intellektuellen Ehrentitel verwandelt hat. Dies muss der Grund dafuer sein, warum Universitaetsgebaeude heute oft – ganz entgegen den Hochschullehrer-Berichten von skandaloeser Ueberbelastung – so eigenartig leer aussehen. Wer also die deutsche Universitaet in der spezifischen Situation ihrer Gegenwart als Ort intellektueller Lebhaftigkeit und Kraft erhalten moechte, der taete gut daran, den Streit der Positionen zu foerdern, die Diskontinuitaet zwischen Forschung und Anwendung zuzulassen und an der Konvergenz von Forschung und Lehre festzuhalten. Ich verstehe solche Reaktionen als eine Verpflichtung, wie sie der akademischen Gegenwart aus der akademischen Geschichte von Berlin erwaechst, als eine Verpflichtung, die man gegen die aus Drittmittel-Hysterie und Bologna-Schablonen entstehenden „Sachzwaenge“ kehren muss, mit unbeugsamer Leidenschaft.

Damit sind wir unversehens bei Wilhelm von Humboldt angelangt, dem klassischen Helden der Berliner Universitaetsgeschichte. Als Direktor der Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts im preussischen Ministerium des Inneren war er es, der Koenig Friedrich Wilhelm III. das offizielle Dokument zur Gründung einer Universität in Berlin vorlegte, wobei er -- wie vor ihm schon Schleiermacher -- besonders die potentielle wechselseitige Förderung zwischen den bestehenden akademischen Einrichtungen und einer zu gründenden Universität hervorhob. Berühmt geworden ist von Humboldts Memorandum Über die innere und aeussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, das er allerdings nicht als offizielles Programm, sondern allein fuer den privaten Gebrauch verfasst hatte und das erst 1910 wiederentdeckt und zuerst publiziert wurde. In diesem Text treten als Kern der modernen Universität drei miteinander verbundene Prinzipien hervor – Prinzipien, die uns allen vertraut sind, an die ich aber doch zur Verunsicherung des heute an den Universitäten vorherrschenden resignativen Pragmatismus erinnern möchte. Grundlegend ist die überraschend scharfe Unterscheidung zwischen dem Gymnasium, das alle Aufgaben der Wissensvermittlung uebernehmen soll, und der Universität, wo "Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem" behandelt wird und die Wissenschaftler "immer im Forschen bleiben." Als Voraussetzung dafuer fungiert die paradoxale Verpflichtung des Staates, seine Universitäten zu "alimentieren," ohne fuer sie jedoch Vorgaben oder gar Auflagen zu formulieren -- weil eine an Orientierungen ausgerichtete Wissensproduktion nicht mehr im vollen Sinn innovativ sein kann.

Vor allem beschreibt Wilhelm von Humboldt die Universität in vielfältigen Perspektiven und Tönen als Ort einer besonderen Form von Zusammenleben. "Einsamkeit und Freiheit" -- wir koennen auch sagen: die Möglichkeit und die Fähigkeit zu strenger Konzentration -- sind ihre Voraussetzung. In der Darstellung der akademischen Soziabilität selbst stehen erstaunlicherweise Worte wie "Gegenwart" und "Kraft," "begeisternd" und "absichtslos" im Vordergrund: "Da aber das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammenwirken gedeiht, und zwar nicht bloss, damit Einer ersetze, was dem Anderen mangelt, sondern damit die gelingende Tätigkeit des Einen den anderen begeistere und Allen die allgemeine, ursprüngliche, in dem Einzelnen nur einzeln oder angeleitet hervorstrahlende Kraft sichtbar werde, so muss die innere Organisation dieser Anstalten ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken hervorbringen und unterhalten. […] Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wird daher durchaus ein anderes als vorher. Der erstere ist nicht fuer die letzteren, Beide sind fuer die Wissenschaft da; sein Geschäft hängt mit an ihrer Gegenwart und wuerde, ohne sie, nicht gleich glücklich von statten gehen; er wuerde, wenn sie sich nicht von selbst um ihn versammelten, sie aufsuchen, um seinem Ziele naeher zu kommen durch die Verbindung der geuebten, aber eben darum auch leichter einseitigen Kraft mit der schwächeren und noch parteilos noch allen Richtungen mutig hinstrebenden."

Fuer das dritte Jahrhundert der Universität zu Berlin soll man den Berliner akademischen Einrichtungen wuenschen, dass sie sich selbst neu entdecken als Orte gemeinsamer Gegenwart und belebender intellektueller Kraft.

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zuletzt geändert: 13.10.10 MW
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