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Berlin - Hauptstadt für die Wissenschaft 2010

Was ist zu feiern

Ansprachen Präsident Markschies am 12. Oktober 2009

Das Programm dieser Festveranstaltung, meine sehr verehrten Damen und Herren, weist mir an dieser Stelle eine kurze Ant-wort auf die Frage „Was ist zu feiern?“ zu. Von Robert Koch stammt das Bonmot „Die Frage ist zu gut, um sie mit einer Ant-wort zu verderben“ und so will ich erst gar nicht versuchen, die Frage, was wir eigentlich in den kommenden fünfzehn Monaten feiern werden, abschließend zu beantworten, sondern heute nur einige einleitende Stichworte geben, einem Auftakt angemesse-ne.

Im Oktober 2009 liegt es nahe, den Antwortversuch auf die ge-nannte Frage „Was ist zu feiern?“ nicht mit dem August 1809 zu beginnen, sondern mit dem Oktober 1989. Denn wir feiern zunächst einmal in diesem Jahr 2009 auch und gerade die er-folgreiche, nahezu komplette Erneuerung der größten ostdeut-schen Universität, wir feiern ein mitunter höchst anstrengen-des, dann aber auch immer wieder beglückendes Laboratorium der Einheit von Ost und West par excellence. Die, die dabei wa-ren, schwärmen von diesen Jahren trotz aller Anstrengungen und Schwierigkeiten und es täte uns zwanzig Jahre danach, im Jahre 2009, gut, uns gelegentlich etwas mehr an den Auf-bruchsgeist dieser zweiten Gründerjahre unserer Universität zu erinnern. Darin liegt die erste große Herausforderung dieses Jubiläumsjahres.

So weit, so gut. Aber das ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, natürlich nicht die einzige Antwort auf unsere Frage „Was ist zu feiern?“. Bei meinem Versuch einer Antwort schreite ich nun von den Epochenjahren der friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung im späten zwanzigsten Jahrhundert chronologisch betrachtet rückwärts, aber bleibe in Wahrheit mitten in der Gegenwart unserer Universität. Zu feiern ist weiterhin die Selbstbehauptung einer Vision am Ort ihrer Entstehung in Berlin-Mitte ungeachtet aller politischen und moralischen Katastrophen dieser Universität im vergangenen zwanzigsten Jahrhundert – die Selbstbehauptung der Vision der Berliner Humboldtschen Universität, daß Lehrende und Studierende jenseits von überlebten hierarchischen Differenzierungen und disziplinären Schranken gemeinsam forschen und lehren können, in enger Verbundenheit mit einem mindestens vorsichtigen Blick auf das nie erreichbare Ganze der Wissenschaft. Gewiß: Spätestens im Jahre 1933 emigrierte diese Berliner Vision mit den vertriebenen jüdischen Professoren und Studierenden unserer Universität, war seit 1933 und bis 1989 nur noch in Nischen und Rändern Unter den Linden präsent und so gibt heutigentags viele legitime Erben der einstigen Friedrich-Wilhelms-Universität, nicht nur die vielen Universitäten von Johns Hopkins bis Oslo, die im neunzehnten Jahrhundert nach dem Berliner Modell gegründet wurden, sondern im Grunde auch alle die Universitäten, die nach 1933 vertriebene Berliner Gelehrte aufgenommen haben, ich nenne nur drei, mit denen wir heute eng verbunden sind: Oxford, Princeton und nicht zuletzt die andere HU, die Hebräische Universität in Jerusalem. Diese alle sind mindestens genauso gut wie wir legitime Erben der alten Friedrich-Wilhelms-Universität und des Streites über die Frage, wer die Traditionen der Humboldtschen Universität in dieser Stadt authentisch fortsetzt, bedarf es nun wirklich nicht. Die zweite große Herausforderung des Jubiläumsjahres liegt vielmehr darin, nicht nur mit den vielen Erben der alten Berliner Universität zu feiern – und, natürlich, besonders auch mit unserer vor sechzig Jahren von Studierenden und Professoren dieser Universität gegründeten Schwester in Dahlem, deren geschätzten Kolleginnen und Kollegen ich eines besonders herzliches Willkommen entbiete –, die Herausforderung besteht vielmehr darin, mit den vielen Erben in einen Dialog zu treten, damit die Berliner Universitäten und auch die Wissenschaftspolitik hierzulande von den groß gewordenen Kindern der Friedrich-Wilhelms-Universität lernen kann, so wie diese einst von uns lernten.

Zu feiern ist schließlich, daß es sich trotz der teilweise längst unerträglichen Beschwörung eines Mythos der Humboldtschen Universität, der sich meist in blassen, niemals von Humboldt gebrauchten Formeln erschöpft und daher einen verständlichen Gegenmythos unter dem Schlachtruf „Humboldt ist längst tot“ provoziert, immer noch lohnt, die Ideen der Gründergeneration vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu studieren - vielleicht gerade deswegen, weil sie an manchen Punkten soweit von der Realität der deutschen Universität entfernt sind, mit der wir uns doch, mit Verlaub gesagt, wirklich nicht zufrieden geben können. Mir scheint die dritte große Herausforderung dieses Jubiläumsjahres darin zu bestehen, dieses Mal nicht wie vor hundert Jahren einen neuen Mythos der Humboldtschen Universität zu stiften, sondern ganz nüchtern und präzise zu fragen, was heutigentags noch von Humboldt und von all’ den anderen, von Schleiermacher, Schmalz und Savigny, von Hufeland,  Hegel und Fichte, zu lernen ist. Die Voraussetzungen in dieser Stadt sind ungewöhnlich günstig, an der Akademie werden die Schriften von beiden Humboldtbrüdern und von Schleiermacher herausgegeben, bildungsgeschichtliche Forschung ist einer der Schwerpunkte der Berliner Wissenschaftslandschaft. Ich möchte nicht mißverstanden werden – natürlich reicht es nicht, nur und immer wieder Berliner Gründerväter zu studieren; Hubert Markl hat das jüngst bei seiner Festrede zum hundertjährigen Jubiläum der Heidelberger Akademie der Wissenschaften noch einmal in wünschenswerter Deutlichkeit gesagt. Mir geht es im Augenblick auch nur darum, daß wir die Berliner Gründerväter wenigstens lesen und nicht nur in Gestalt von Formeln im Munde führen. Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir in diesem Jahr jene altbekannten Formeln nicht wie Monstranzen durch die Gegend tragen würden – ein Theologe darf das sagen! –, sondern einmal fragen würden, was die berühmten romantischen Einheitsformeln „Einheit von Forschung und Lehre“, „Einheit von Lehrenden und Studierenden“ und „Einheit der Wissenschaft“ im Zeitalter gesteigerter funktionaler Differenzierung und angesichts begründeter Vorbehalte gegen Totalitätsansprüchen eigentlich noch bedeuten. Und es wäre doch aller Mühe wert, wenn wir endlich einmal zur Kenntnis nehmen würden, daß mindestens der Theologe Schleiermacher in seinen Schriften zur Universitätsgründung keinen Zweifel daran läßt, daß berufsbezogene Bildung von Ärzten, Pfarrern und Richtern zur genuinen Aufgabe von Universitäten im deutschen Sinn gehört und nicht im Zuge der Polemik gegen die Bologna-Reform gegen die berufsfreie Bildung ausgespielt werden darf. Wir müssen, meine Damen und Herren, wenn wir unserem Jubiläumsmotto „das moderne Original“ gerecht werden wollen, nicht nur Lehrenden wie Studierenden größere Freiheit ermöglichen, als sie bisher in einer gewöhnlichen deutschen, durch die Bologna-Reform geprägten Universität noch selbstverständlich ist (darüber hat Jürgen Mittelstraß jüngst wieder klug geschrieben), nein, wir müssen auch die berufsbildende Orientierung – wohlgemerkt – einzelner, bestimmter Studiengänge nachhaltig steigern, ich denke besonders an die Lehramtsstudiengänge. Freiheit und Bindung nicht nur in diesem speziellen Falle zusammenzudenken, die Orientierung am großen Ganzen und zugleich die Andacht für das unaufgebbar Individuelle wie das berühmte, liebenswerte Detail, die energische Orientierung an der Exzellenz und zugleich die Verantwortung für die vielen schlichten Geister – eben dieses zwar – aber, diese via media jenseits der Extreme lehren uns die Väter dieser Berliner Universität und es fällt angesichts der deutschen Verliebtheiten in die Extreme schwer, diesen mittleren Kurs zu halten. Dabei säumen doch die von den Extremisten hinterlassenen Trümmer der ins Extreme gerissenen deutschen Universität ihren Weg durch die Zeiten. Und selbstverständlich wollen uns die Gelehrten unter den Extremisten bis auf den heutigen Tag einreden, jene via media sei das intellektuell ärmere Projekt; man muß ihnen ins Angesicht widerstehen, widerstünden wir nicht, hätten wir unsere Lektion aus der Geschichte dieser Berliner Universität nicht gelernt. Aber natürlich heißt via media ins Deutsche übersetzt auch nicht: die Widersprüche zwischen Berufsbildung und berufsfreier Bildung oder zwischen Elite- und Massenstudium irgendwie zusammenpappen und hoffen, daß es zusammengeht; die „Illusion der Exzellenz“ ist ein kleiner, aber gehaltvoller Sammelband überschrieben, der dieses Mißverständnis geistreich ironisiert und vor wenigen Wochen publiziert wurde.

Was aus dieser Geschichte und unserer Gegenwart für die Berliner Universität zu lernen ist, aus Humboldt noch zu lernen ist, habe ich an anderer Stelle in elf Berliner Thesen zur deutschen Universität niedergelegt und brauche Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, damit jetzt nicht weiter zu behelligen. Ich möchte vielmehr diese Bühne anderen überlassenen, damit sie auf die Frage, was von Humboldt und den anderen Berliner Gründern noch zu lernen, ihre ganz eigenen Antworten geben. Die folgende Podiumsdiskussion moderiert Volker Gerhardt, seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für praktische Philosophie an unserer Universität. Der verehrte Kollege Gerhardt wird Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Podiasten Glen Most und Gerhard Casper gleich selbst vorstellen und so bleibt mir nur, ihn selbst kurz anzukündigen, den klugen Denker, der seine Anregungen gleichermaßen aus Kant und Nietzsche bezieht, sich als homme de lettre doch immer seiner politischen Verantwortung gestellt hat, nicht zuletzt im Deutschen Ethikrat und seinem Vorläufer und doch die steinigen Ebenen der Editionsphilologie im Akademienprogramm nicht scheut – Kant, Nietzsche, Schelling und noch viel mehr. Meine Herren: Wir freuen uns auf Ihre Disputation zum Thema „Was ist von Humboldt (noch) zu lernen?“ und ich übergebe Volker Gerhardt zu diesem Zweck das Mikrofon. Zuvor bitte ich aber unseren Universitätsmusikdirektor Constantin Alex und die Seinen, uns Musik unseres einstigen Studenten Felix Mendelssohn Bartholdy zu musizieren, die Sinfonia aus der Symphonie Nr. 2 „Lobgesang“ in B-Dur, für die Vierhundertjahrfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst 1840 in Leipzig komponiert.

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zuletzt geändert: 06.12.09 MW
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