Was ist zu feiern
Was ist zu feiern
Das Programm dieser Festveranstaltung, meine sehr verehrten Damen
und Herren, weist mir an dieser Stelle eine kurze Ant-wort auf die
Frage „Was ist zu feiern?“ zu. Von Robert Koch stammt das Bonmot „Die
Frage ist zu gut, um sie mit einer Ant-wort zu verderben“ und so will
ich erst gar nicht versuchen, die Frage, was wir eigentlich in den
kommenden fünfzehn Monaten feiern werden, abschließend zu beantworten,
sondern heute nur einige einleitende Stichworte geben, einem Auftakt
angemesse-ne.
Im Oktober 2009 liegt es nahe, den Antwortversuch auf die ge-nannte
Frage „Was ist zu feiern?“ nicht mit dem August 1809 zu beginnen,
sondern mit dem Oktober 1989. Denn wir feiern zunächst einmal in diesem
Jahr 2009 auch und gerade die er-folgreiche, nahezu komplette
Erneuerung der größten ostdeut-schen Universität, wir feiern ein
mitunter höchst anstrengen-des, dann aber auch immer wieder
beglückendes Laboratorium der Einheit von Ost und West par excellence.
Die, die dabei wa-ren, schwärmen von diesen Jahren trotz aller
Anstrengungen und Schwierigkeiten und es täte uns zwanzig Jahre danach,
im Jahre 2009, gut, uns gelegentlich etwas mehr an den Auf-bruchsgeist
dieser zweiten Gründerjahre unserer Universität zu erinnern. Darin
liegt die erste große Herausforderung dieses Jubiläumsjahres.
So weit, so gut. Aber das ist, meine sehr verehrten Damen und Herren,
natürlich nicht die einzige Antwort auf unsere Frage „Was ist zu
feiern?“. Bei meinem Versuch einer Antwort schreite ich nun von den
Epochenjahren der friedlichen Revolution und der deutschen
Wiedervereinigung im späten zwanzigsten Jahrhundert chronologisch
betrachtet rückwärts, aber bleibe in Wahrheit mitten in der Gegenwart
unserer Universität. Zu feiern ist weiterhin die Selbstbehauptung einer
Vision am Ort ihrer Entstehung in Berlin-Mitte ungeachtet aller
politischen und moralischen Katastrophen dieser Universität im
vergangenen zwanzigsten Jahrhundert – die Selbstbehauptung der Vision
der Berliner Humboldtschen Universität, daß Lehrende und Studierende
jenseits von überlebten hierarchischen Differenzierungen und
disziplinären Schranken gemeinsam forschen und lehren können, in enger
Verbundenheit mit einem mindestens vorsichtigen Blick auf das nie
erreichbare Ganze der Wissenschaft. Gewiß: Spätestens im Jahre 1933
emigrierte diese Berliner Vision mit den vertriebenen jüdischen
Professoren und Studierenden unserer Universität, war seit 1933 und bis
1989 nur noch in Nischen und Rändern Unter den Linden präsent und so
gibt heutigentags viele legitime Erben der einstigen
Friedrich-Wilhelms-Universität, nicht nur die vielen Universitäten von
Johns Hopkins bis Oslo, die im neunzehnten Jahrhundert nach dem
Berliner Modell gegründet wurden, sondern im Grunde auch alle die
Universitäten, die nach 1933 vertriebene Berliner Gelehrte aufgenommen
haben, ich nenne nur drei, mit denen wir heute eng verbunden sind:
Oxford, Princeton und nicht zuletzt die andere HU, die Hebräische
Universität in Jerusalem. Diese alle sind mindestens genauso gut wie
wir legitime Erben der alten Friedrich-Wilhelms-Universität und des
Streites über die Frage, wer die Traditionen der Humboldtschen
Universität in dieser Stadt authentisch fortsetzt, bedarf es nun
wirklich nicht. Die zweite große Herausforderung des Jubiläumsjahres
liegt vielmehr darin, nicht nur mit den vielen Erben der alten Berliner
Universität zu feiern – und, natürlich, besonders auch mit unserer vor
sechzig Jahren von Studierenden und Professoren dieser Universität
gegründeten Schwester in Dahlem, deren geschätzten Kolleginnen und
Kollegen ich eines besonders herzliches Willkommen entbiete –, die
Herausforderung besteht vielmehr darin, mit den vielen Erben in einen
Dialog zu treten, damit die Berliner Universitäten und auch die
Wissenschaftspolitik hierzulande von den groß gewordenen Kindern der
Friedrich-Wilhelms-Universität lernen kann, so wie diese einst von uns
lernten.
Zu feiern ist schließlich, daß es sich trotz der teilweise längst
unerträglichen Beschwörung eines Mythos der Humboldtschen Universität,
der sich meist in blassen, niemals von Humboldt gebrauchten Formeln
erschöpft und daher einen verständlichen Gegenmythos unter dem
Schlachtruf „Humboldt ist längst tot“ provoziert, immer noch lohnt, die
Ideen der Gründergeneration vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu
studieren - vielleicht gerade deswegen, weil sie an manchen Punkten
soweit von der Realität der deutschen Universität entfernt sind, mit
der wir uns doch, mit Verlaub gesagt, wirklich nicht zufrieden geben
können. Mir scheint die dritte große Herausforderung dieses
Jubiläumsjahres darin zu bestehen, dieses Mal nicht wie vor hundert
Jahren einen neuen Mythos der Humboldtschen Universität zu stiften,
sondern ganz nüchtern und präzise zu fragen, was heutigentags noch von
Humboldt und von all’ den anderen, von Schleiermacher, Schmalz und
Savigny, von Hufeland, Hegel und Fichte, zu lernen ist. Die
Voraussetzungen in dieser Stadt sind ungewöhnlich günstig, an der
Akademie werden die Schriften von beiden Humboldtbrüdern und von
Schleiermacher herausgegeben, bildungsgeschichtliche Forschung ist
einer der Schwerpunkte der Berliner Wissenschaftslandschaft. Ich möchte
nicht mißverstanden werden – natürlich reicht es nicht, nur und immer
wieder Berliner Gründerväter zu studieren; Hubert Markl hat das jüngst
bei seiner Festrede zum hundertjährigen Jubiläum der Heidelberger
Akademie der Wissenschaften noch einmal in wünschenswerter Deutlichkeit
gesagt. Mir geht es im Augenblick auch nur darum, daß wir die Berliner
Gründerväter wenigstens lesen und nicht nur in Gestalt von Formeln im
Munde führen. Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir in diesem Jahr
jene altbekannten Formeln nicht wie Monstranzen durch die Gegend tragen
würden – ein Theologe darf das sagen! –, sondern einmal fragen würden,
was die berühmten romantischen Einheitsformeln „Einheit von Forschung
und Lehre“, „Einheit von Lehrenden und Studierenden“ und „Einheit der
Wissenschaft“ im Zeitalter gesteigerter funktionaler Differenzierung
und angesichts begründeter Vorbehalte gegen Totalitätsansprüchen
eigentlich noch bedeuten. Und es wäre doch aller Mühe wert, wenn wir
endlich einmal zur Kenntnis nehmen würden, daß mindestens der Theologe
Schleiermacher in seinen Schriften zur Universitätsgründung keinen
Zweifel daran läßt, daß berufsbezogene Bildung von Ärzten, Pfarrern und
Richtern zur genuinen Aufgabe von Universitäten im deutschen Sinn
gehört und nicht im Zuge der Polemik gegen die Bologna-Reform gegen die
berufsfreie Bildung ausgespielt werden darf. Wir müssen, meine Damen
und Herren, wenn wir unserem Jubiläumsmotto „das moderne Original“
gerecht werden wollen, nicht nur Lehrenden wie Studierenden größere
Freiheit ermöglichen, als sie bisher in einer gewöhnlichen deutschen,
durch die Bologna-Reform geprägten Universität noch selbstverständlich
ist (darüber hat Jürgen Mittelstraß jüngst wieder klug geschrieben),
nein, wir müssen auch die berufsbildende Orientierung – wohlgemerkt –
einzelner, bestimmter Studiengänge nachhaltig steigern, ich denke
besonders an die Lehramtsstudiengänge. Freiheit und Bindung nicht nur
in diesem speziellen Falle zusammenzudenken, die Orientierung am großen
Ganzen und zugleich die Andacht für das unaufgebbar Individuelle wie
das berühmte, liebenswerte Detail, die energische Orientierung an der
Exzellenz und zugleich die Verantwortung für die vielen schlichten
Geister – eben dieses zwar – aber, diese via media jenseits der Extreme
lehren uns die Väter dieser Berliner Universität und es fällt
angesichts der deutschen Verliebtheiten in die Extreme schwer, diesen
mittleren Kurs zu halten. Dabei säumen doch die von den Extremisten
hinterlassenen Trümmer der ins Extreme gerissenen deutschen Universität
ihren Weg durch die Zeiten. Und selbstverständlich wollen uns die
Gelehrten unter den Extremisten bis auf den heutigen Tag einreden, jene
via media sei das intellektuell ärmere Projekt; man muß ihnen ins
Angesicht widerstehen, widerstünden wir nicht, hätten wir unsere
Lektion aus der Geschichte dieser Berliner Universität nicht gelernt.
Aber natürlich heißt via media ins Deutsche übersetzt auch nicht: die
Widersprüche zwischen Berufsbildung und berufsfreier Bildung oder
zwischen Elite- und Massenstudium irgendwie zusammenpappen und hoffen,
daß es zusammengeht; die „Illusion der Exzellenz“ ist ein kleiner, aber
gehaltvoller Sammelband überschrieben, der dieses Mißverständnis
geistreich ironisiert und vor wenigen Wochen publiziert wurde.
Was aus dieser Geschichte und unserer Gegenwart für die Berliner
Universität zu lernen ist, aus Humboldt noch zu lernen ist, habe ich an
anderer Stelle in elf Berliner Thesen zur deutschen Universität
niedergelegt und brauche Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren,
damit jetzt nicht weiter zu behelligen. Ich möchte vielmehr diese Bühne
anderen überlassenen, damit sie auf die Frage, was von Humboldt und den
anderen Berliner Gründern noch zu lernen, ihre ganz eigenen Antworten
geben. Die folgende Podiumsdiskussion moderiert Volker Gerhardt, seit
1992 Inhaber des Lehrstuhls für praktische Philosophie an unserer
Universität. Der verehrte Kollege Gerhardt wird Ihnen, meine sehr
verehrten Damen und Herren, die Podiasten Glen Most und Gerhard Casper
gleich selbst vorstellen und so bleibt mir nur, ihn selbst kurz
anzukündigen, den klugen Denker, der seine Anregungen gleichermaßen aus
Kant und Nietzsche bezieht, sich als homme de lettre doch immer seiner
politischen Verantwortung gestellt hat, nicht zuletzt im Deutschen
Ethikrat und seinem Vorläufer und doch die steinigen Ebenen der
Editionsphilologie im Akademienprogramm nicht scheut – Kant, Nietzsche,
Schelling und noch viel mehr. Meine Herren: Wir freuen uns auf Ihre
Disputation zum Thema „Was ist von Humboldt (noch) zu lernen?“ und ich
übergebe Volker Gerhardt zu diesem Zweck das Mikrofon. Zuvor bitte ich
aber unseren Universitätsmusikdirektor Constantin Alex und die Seinen,
uns Musik unseres einstigen Studenten Felix Mendelssohn Bartholdy zu
musizieren, die Sinfonia aus der Symphonie Nr. 2 „Lobgesang“ in B-Dur,
für die Vierhundertjahrfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst 1840 in
Leipzig komponiert.